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Ausstellung : Die Marx Brothers bekommen ihren eigenen Schrein

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Wir werden ins Wohnzimmer der fiktiven Goldbergs eingeladen, die von den zwanziger bis fünfziger Jahren per Radio und schließlich auch per Fernsehen die gesamte Nation am prallen jüdischen Familienleben teilnehmen ließ. Zwischendurch machen wir halt vor zehn industriell konstruierten, gleichwohl glamourös glitzernden Schreinen für jüdische Superstars wie die Marx Brothers, die Comicfigur Betty Boop, die Streisand und die Monroe.

Jawohl, auch Marilyn Monroe gehörte zu den Filmschauspielern jüdischen Glaubens, nachdem sie sich in Arthur Miller verliebt und die für die Ehe förderliche Konversion nicht gescheut hatte. Zu bewundern ist ihre Mesuse, die sie gar an einem Halskettchen trug, und ihre Menorah, aus der die israelische Nationalhymne zu tönen pflegte. Liz Taylor, die wegen Eddie Fisher den Glauben gewechselt hatte, kommt auch vor. Im Lichte solcher Einsichten und Entdeckungen verfliegt im Nu der Nachmittag hinter der Galerienpforte, die stimmig und stimmungsvoll von rotem und grünem Neonlicht umrahmt wird.

Aber der Inszenierungsglamour reicht dann doch nicht, sobald gewichtigere Sujets zur Sprache kommen. Auch wenn die Organisatoren, in einer durchaus angreifbaren Entscheidung, nicht die Natur der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und ihrer jüdischen Fundamente ergründen, sondern lieber den Diskurs darüber identitätskulturell beleuchten wollen, hätte ein bißchen mehr Tiefgang die blankpolierte Oberfläche nicht kompromittiert.

Fotos von Filmmoguln

Die Fotos der jüdischen Filmmoguln von Fox, Loew, Thalberg, Goldwyn, Mayer, Selznick und den Gebrüdern Warner bis Geffen, Spielberg und Katzenberg reichen auch in Koproduktion mit einigen Memorabilien kaum aus, das Geflecht aus Macht, Neid, Mißtrauen, Triumph und Niederlage zu entwirren.

Wieder müssen wir im Katalog blättern, um über das Museumsgeglitzer hinaus zu begreifen, wie der Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts in Hollywoods "Jewish Question" nachklang, wie Verschwörungstheorien und Mißtrauen gegenüber der staatsbürgerlichen Loyalität jüdischer Powerbroker Ausdruck fanden und sie in einer Industrie, die außerhalb Amerikas des Kulturimperialismus ebenso schnell verdächtigt wurde wie der moralischen und politischen Korruption innerhalb des Landes, ihre immer prekäre Balance immer wieder neu zu finden hatten. Bevor der jüdische Beitrag zur amerikanischen Filmkultur den ethnischen Stolz wirklich beflügeln konnte, waren die ideologische Hysterie des "Red Scare" nach dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten McCarthys Hexenjagd im Zeichen der unamerikanischen Umtriebe zu überstehen.

Im Museum ist das alles gewiß sehr schwer aufzubereiten. Und auch über die Kontroversen, die Hollywood mit seinen Holocaust-Produktionen auslöste, ist mehr zu sagen, als es ein paar Ausschnitte aus der Fernsehserie "Holocaust" und Spielbergs "Schindlers Liste" vermögen. So wäre sicher am besten beraten, wer die optischen und akustischen Reize der Schau nicht verschmähte und sich, wie viele in den Jahren fortgeschrittene Besucher es offensichtlich tun, mit gebührender Nostalgie an diesen Entertainer oder jene Filmszene erinnerte. Der Rest läßt sich schwarz auf weiß und im üppig bebilderten Hochglanz bequem nach Hause tragen.

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