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Ausstellung : Der menschliche Körper als Spektakel

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Cremaster 5”, 1997 Bild: Matthew Barney

Der New Yorker Matthew Barney sorgt mit seinen Cremaster-Filmen für Aufsehen - jetzt auch in Köln.

          Spätestens seit er 1994 mit dem ersten Teil seines Film-Zyklusses „Cremaster“ begann, gilt Matthew Barney als Shooting Star der New Yorker Kunstszene. Jetzt ist in Köln sein Gesamtwerk zu sehen - zum ersten Mal in Deutschland. Und eine Premiere gibt's dazu: „Cremaster 3“, das neueste Werk.

          1994 sorgte ein New Yorker Künstler mit einem Film für Aufsehen: „Cremaster 4“ hieß der Streifen: Er erzählte die Geschichte eines Motorradrennen zu Lande und zu Wasser, bei dem eine Gruppe von Elfen und vor allem die Körper der Teilnehmer eine wichtige Rolle spielen. Barney, jubelte die Kritik, sei noch besser, noch rätselhafter als David Cronenberg.

          In den darauf folgenden Jahren ergänzte Barney den Zyklus um weitere Teile. Inzwischen besteht der "Cremaster"-Zyklus aus fünf voneinander unabhängigen Filmen sowie fünf dazu gehörenden Objekten. Barney schuf sie in der Reihenfolge 4, 1, 5, 2, 3. Im Museum Ludwig in Köln hatte jetzt der jüngste Streifen, „Cremaster 3“, Premiere. Dazu wird zum ersten Mal in Deutschland sein Gesamtwerk vorgestellt: Filme, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Installationen.

          Szene aus „Cremaster 2”, 1999

          „Cremaster 3“ spielt in New York City und berichtet vom Fortschritt beim Bau des Chrysler Building, das als solches selbst eine Person ist - und innere, widerstreitende Kräfte beherbergt. Thematisiert werden unter anderem Auseinandersetzungen zwischen dem Architekten (von Richard Serra gespielt) und dem neu aufgenommenen Lehrling (Matthew Barney), die beide an dem Gebäude arbeiten.

          Der Star kommt unerkannt

          Obwohl der Cremaster-Zyklus längst weltberühmt ist und auch Barneys eigener gestählter Körper schon des öfteren in Filmen vorkam, erwartete der Künstler bei der Ausstellungseröffnung beinahe unbehelligt vor den Türen der Kölner Philharmonie seinen Auftritt. Das gewohnte Blitzlichtgewitter blieb aus. Vielleicht, weil nur wenige ahnten, dass sich hinter dem ganz normal aufgemachten Typen der extravagante Künstlerstar verbirgt. Erst als der Meister die Bühne vor der Leinwand betrat, um - leicht verlegen - die Premierengäste zu begrüßen, wurden die Kameras gezückt. Das überwiegend junge Publikum klatschte freundlich.

          Vor den Zuschauern lagen rund drei Stunden: schöne und schaurige Bilder, manch ein Schocker und jede Menge kniffelige Aufgaben für ehrgeizige Entschlüsselungskünstler.

          Requisiten-Ausstellung

          Die Ausstellung kann dem Filmzuschauer bei der Enträtselung helfen. Der Künstler hat seine Schau als eine Art Phantasialand, komplett im schon geläufigen Barney-Look, gestylt. Auf dem Boden liegt vom Sportplatz bekannter Astro-Turf in allerlei Farben. Die Durchgänge sind weiß abgepolstert. Weichen Schrittes wandelt man so zwischen Vitrinen mit Relikten aus Barneys Requisitenkiste und rätselhaften Installationen in Kunststoff, Salz und Vaseline umher. Beuys läßt grüßen.

          Von Szenenfotos grüßen adrette Stewardessen und urige Kelten, androgyne Nackedeis und ein smarter Satyr, der beim Frisieren befremdliche Knubbel unter seinem roten Haarschopf freilegt. Die Schau steht ganz im Zeichen der letzten acht Künstlerjahre, die Barney ausschließlich seinem Cremaster-Projekt gewidmet hat.

          Ein Muskel sorgt für Auf- und Abstieg

          Den Titel „Cremaster“ verdankt dieses verzwickte Mammutwerk dem Muskel, der die Hoden hebt und senkt, damit die Temperatur der Keimdrüsen konstant bleibt. Um die Motive Aufstieg, Abstieg, Sexualität und den menschlichen Körper kreist auch „Cremaster“. Der Direktor des Museums Ludwig, Kaspar König, nannte das Barneys „individuelle Mythologie“.

          Die hauseigene Cinemathek im Museum Ludwig zeigt alle fünf Filme der Serie auf großer Leinwand. In den Ausstellungsräumen flimmern sie über Bildschirme in farblich wie thematisch fein abgestimmtem Ambiente, umgeben von selbstgebastelten Ausstattungsstücken.

          Tiefgefrohrene Vaseline

          In einer Ecke warten einige Kapuzinertauben, die in der fünften Folge mitgespielt haben, und aus „Cremaster 4“ stammt das Motorrad mit Hodensack am hautfarbenen Reifen. Auch die in tiefgefrorener Vaseline nachgeformte Bar aus „Cremaster 3“ hat Barney mitgebracht. Hier saß der Künstler einst, als er einen feschen Maurer-Lehrling mimte - scheinbar nicht ahnend, welche Torturen „Cremaster 3“ für ihn als Hauptperson bereit halten würde.

          Gangster brechen dem Meister da brutal alle Zähne aus dem Kiefer, anschließend muss sich der Ärmste dann in einem Rutsch seiner Eingeweide entledigen. Und zum Finale durchbohrt ihm die Spitze des New Yorker Chrysler Building den Kopf. Der Schöpfer wird für seine Hybris bestraft, eine Erfahrung, die man dem guten Barney nicht wünschen möchte.

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