https://www.faz.net/-gqz-9etsv

Ausstellung im Kunstmuseum : Der Flaneur wird in Bonn nicht belohnt

Der beobachtende Spaziergänger ist eines der großen Themen in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Ausstellung „Der Flaneur“ im Kunstmuseum Bonn verliert ihren Gegenstand aber aus den Augen.

          4 Min.

          Über den Dächern von Rouen: Was hat die undatierte Stadtansicht des französischen Malers Ludovic Piette (1826 bis 1878) aus dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal in der Ausstellung des Bonner Kunstmuseums über den Flaneur verloren? Gewiss, es ist belegt, dass diese Perspektive auf „die alte normannische Stadt“ die Ikonographie des Molochs zu mobilisieren geeignet war, dass sich Rouen vor den Augen eines Neuankömmlings erstrecken konnte „wie eine unermessliche Metropole, wie ein Babylon“. Aber das ist vom Standpunkt Emma Bovarys erzählt, und dass sie hinter den Kutschenfenstern „in Aufruhr geriet durch das wirre Tosen“, das von den Straßen „heraufdrang“, wo „hundertzwanzigtausend Seelen zuckten“, das lag daran, dass sie verliebt war. Unter die Assoziationen aus Angelesenem, die das Vokabular dieser unglücklichen Liebe ausmachen, mischt der unbarmherzige Flaubert auch die zeitgenössischen intellektuellen Klischees von der alles verschlingenden Großstadt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit 120.000 Einwohnern war Rouen eine große Stadt und doch eine Provinzstadt. Und ist Piettes Dachlandschaft dann nicht fehl am Platz in einer Ausstellung, die behauptet, der Flaneur sei eine Pariser Erfindung? (Ein Aufsatz im Katalog behauptet allerdings, dass sei ein Irrtum Walter Benjamins, der zu schlecht Englisch gelesen habe, um den Primat Londons zu erkennen.)

          Als Gegenbild gibt Piettes Gemälde gleichwohl in doppelter Weise zu denken. Es zeigt erstens den Aggregatzustand der alten, der mittelalterlichen Stadt: die Dichte, die der Baron Haussmann in Paris beseitigte, um die breiten Ausblickachsen der Boulevards zu schaffen. Und der Fleckenteppich aus kleinen und kleinsten grauen und braunen Farbflächen evoziert zweitens die Figur des Labyrinths, eine der emblematischen Chiffren der Stadt des Flaneurs: eine von der Stadtplanung nur oberflächlich beseitigte, in Nacht und Untergrund abgedrängte Gegenwelt, in der sich nur der Ortskundige orientiert.

          Manet und Degas sind abwesend

          Solche Entdeckungen auf den zweiten Blick, die sozusagen den Flaneur im Besucher belohnen, der sich auf kombinatorisches Fährtenlesen einlässt, sind in Bonn leider die Ausnahme. Die Ausstellung erhebt den ebenso werbewirksamen wie ehrgeizigen Anspruch, ihr Thema „vom Impressionismus bis zur Gegenwart“ zu verfolgen. Aber die Mehrzahl der impressionistischen Bilder hier hat mit der Sache beim besten Willen nichts zu tun. „Eine Straße in Marly“ von Alfred Sisley: Ist denn jeder Spaziergänger oder jeder Freiluftmaler ein Flaneur?

          Durch Charles Baudelaire ist die Verschmelzung von Künstler und Flaneur kanonisch geworden, in der Gestalt des „Malers des modernen Lebens“. Doch welche Bilder in Bonn geben eine Vorstellung davon, wie ein Dichter auf die Idee kommen konnte, die Maler von Großstadtszenen erfassten im Flüchtigsten der Alltagsmode das neue Ewige? Selbst van Goghs hübsche Windmühle mit den farbenfroh gekleideten Ausflüglerinnen wäre mit solchem Beispieldienst überfordert.

          Erst recht gilt das für Jean Bérauds Impressionen von den Boulevards. Im Katalog steht, dass Béraud sich mit der Kutsche auf Motivsuche begab. Aber macht ihn diese Fortbewegungsweise in der Manier von Emma Bovary wirklich zum Flaneur im Sinne des auf das Plötzliche und Zweideutige gerichteten „Wahrnehmungsmodus“, als welchen die Ausstellung ihren Gegenstand definiert? Der Zylinderhutträger mit skeptischer Miene und linker Hand in der Manteltasche, der wirklich mitten „Auf dem Boulevard“ (1880) steht, oder die „Pariserin auf der Place de la Concorde“ (1890) mit roten Haaren, schwarzen Stiefeln, schwarzem Mantel, schwarzer Stola, schwarzer Schleife im Haar, weißem Paket mit rosa Bändern und roten Lippen – sie stehen für Béraud Modell und fingieren nur, dass sie unterwegs sind.

          Weitere Themen

          Schutzheilige der Lyrik

          Zum Tod von Ursula Haeusgen : Schutzheilige der Lyrik

          Sie hat eine eigene Lyrik-Buchhandlung in München gegründet und ließ daraus eine bedeutende Präsenzbibliothek hervorgehen: die Stiftung Lyrik Kabinett. Ursula Haeusgen war Herausgeberin einer eigenen Buchreihe und eine bedeutende Mäzenin. Jetzt ist sie in München gestorben.

          Topmeldungen

          Eine Frau telefoniert in einer Telefonzentrale für die Arzthotline 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

          Keine Impftermine möglich : Nette, aber hilflose Impfhotlines

          Die Impfstoffbeschaffung ist Bundessache, das Verabreichen aber die der Länder. In keinem von ihnen lässt sich ein Termin für eine Impfung vereinbaren. Die Länder halten den Bund für schuldig – und Pfizer.
          Das erste Interview nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden: Ministerpräsident Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

          Interview mit Armin Laschet : „Auch mit Friedrich Merz“

          Ein Gespräch mit dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet über die Einbindung des unterlegenen Konkurrenten, die Kanzlerkandidatur, den Kampf gegen Corona, sein Verhältnis zu Russland, die Seidenstraße – und über Twitter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.