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Ausstellung im Kunstmuseum : Der Flaneur wird in Bonn nicht belohnt

Ist der Flaneur eine Pariser Erfindung? Louis Anquetins „Femme sur les Champs-Élysées“, 1891. Bild: Van Gogh Museum Amsterdam

Der beobachtende Spaziergänger ist eines der großen Themen in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Ausstellung „Der Flaneur“ im Kunstmuseum Bonn verliert ihren Gegenstand aber aus den Augen.

          Über den Dächern von Rouen: Was hat die undatierte Stadtansicht des französischen Malers Ludovic Piette (1826 bis 1878) aus dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal in der Ausstellung des Bonner Kunstmuseums über den Flaneur verloren? Gewiss, es ist belegt, dass diese Perspektive auf „die alte normannische Stadt“ die Ikonographie des Molochs zu mobilisieren geeignet war, dass sich Rouen vor den Augen eines Neuankömmlings erstrecken konnte „wie eine unermessliche Metropole, wie ein Babylon“. Aber das ist vom Standpunkt Emma Bovarys erzählt, und dass sie hinter den Kutschenfenstern „in Aufruhr geriet durch das wirre Tosen“, das von den Straßen „heraufdrang“, wo „hundertzwanzigtausend Seelen zuckten“, das lag daran, dass sie verliebt war. Unter die Assoziationen aus Angelesenem, die das Vokabular dieser unglücklichen Liebe ausmachen, mischt der unbarmherzige Flaubert auch die zeitgenössischen intellektuellen Klischees von der alles verschlingenden Großstadt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit 120.000 Einwohnern war Rouen eine große Stadt und doch eine Provinzstadt. Und ist Piettes Dachlandschaft dann nicht fehl am Platz in einer Ausstellung, die behauptet, der Flaneur sei eine Pariser Erfindung? (Ein Aufsatz im Katalog behauptet allerdings, dass sei ein Irrtum Walter Benjamins, der zu schlecht Englisch gelesen habe, um den Primat Londons zu erkennen.)

          Ist hier etwa das neue Ewige erfasst? Van Goghs „Le Moulin de Blute-Fin“, 1886.

          Als Gegenbild gibt Piettes Gemälde gleichwohl in doppelter Weise zu denken. Es zeigt erstens den Aggregatzustand der alten, der mittelalterlichen Stadt: die Dichte, die der Baron Haussmann in Paris beseitigte, um die breiten Ausblickachsen der Boulevards zu schaffen. Und der Fleckenteppich aus kleinen und kleinsten grauen und braunen Farbflächen evoziert zweitens die Figur des Labyrinths, eine der emblematischen Chiffren der Stadt des Flaneurs: eine von der Stadtplanung nur oberflächlich beseitigte, in Nacht und Untergrund abgedrängte Gegenwelt, in der sich nur der Ortskundige orientiert.

          Manet und Degas sind abwesend

          Solche Entdeckungen auf den zweiten Blick, die sozusagen den Flaneur im Besucher belohnen, der sich auf kombinatorisches Fährtenlesen einlässt, sind in Bonn leider die Ausnahme. Die Ausstellung erhebt den ebenso werbewirksamen wie ehrgeizigen Anspruch, ihr Thema „vom Impressionismus bis zur Gegenwart“ zu verfolgen. Aber die Mehrzahl der impressionistischen Bilder hier hat mit der Sache beim besten Willen nichts zu tun. „Eine Straße in Marly“ von Alfred Sisley: Ist denn jeder Spaziergänger oder jeder Freiluftmaler ein Flaneur?

          Durch Charles Baudelaire ist die Verschmelzung von Künstler und Flaneur kanonisch geworden, in der Gestalt des „Malers des modernen Lebens“. Doch welche Bilder in Bonn geben eine Vorstellung davon, wie ein Dichter auf die Idee kommen konnte, die Maler von Großstadtszenen erfassten im Flüchtigsten der Alltagsmode das neue Ewige? Selbst van Goghs hübsche Windmühle mit den farbenfroh gekleideten Ausflüglerinnen wäre mit solchem Beispieldienst überfordert.

          Rudolf Schlichter, Hausvogteiplatz, um 1926.

          Erst recht gilt das für Jean Bérauds Impressionen von den Boulevards. Im Katalog steht, dass Béraud sich mit der Kutsche auf Motivsuche begab. Aber macht ihn diese Fortbewegungsweise in der Manier von Emma Bovary wirklich zum Flaneur im Sinne des auf das Plötzliche und Zweideutige gerichteten „Wahrnehmungsmodus“, als welchen die Ausstellung ihren Gegenstand definiert? Der Zylinderhutträger mit skeptischer Miene und linker Hand in der Manteltasche, der wirklich mitten „Auf dem Boulevard“ (1880) steht, oder die „Pariserin auf der Place de la Concorde“ (1890) mit roten Haaren, schwarzen Stiefeln, schwarzem Mantel, schwarzer Stola, schwarzer Schleife im Haar, weißem Paket mit rosa Bändern und roten Lippen – sie stehen für Béraud Modell und fingieren nur, dass sie unterwegs sind.

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