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Ausstellung im Kunstmuseum : Der Flaneur wird in Bonn nicht belohnt

Warum fehlt die Pop-Art?

Manet und Degas sind abwesend. Artikuliert sich darin ein Wille zur Umwertung, oder waren Leihgaben von ihrer Hand nicht zu bekommen? Die klassischen Steckbriefe des Flaneurs schreiben ihm die Fähigkeit zu, sich unsichtbar zu machen. Wenn er (sich selbst) künstlerisches Thema wird, müsste er in irgendeiner Form wieder sichtbar werden. Das ist in der Bonner Auswahl nur in den Fotografien der Fall, wenn Lee Friedlanders Schatten auf seine Motive fällt, wenn die eine Frau aus Garry Winogrands Serie „Women Are Beautiful“ in Lachen ausbricht oder eine andere amüsiert die Augen niederschlägt.

Wo hat die Ausstellung ihr Sujet gefunden? In einem Korpus vielzitierter Texte (Baudelaire, Benjamin, Franz Hessel), die in Kulturwissenschaft und Kulturbetrieb längst selbst den Status des ewig Modischen erlangt haben. Die Überdeterminiertheit durch Theorie wäre zwar auch bei einem Ausstellungsprojekt über das Klassische gegeben. Aber die Bedeutung des Unsichtbarkeitstopos und seiner Varianten wie der Camouflage in der Theorie des Flaneurs hat zur Folge, dass fast Beliebiges gezeigt werden kann. Der Bonner Direktor Stephan Berg und sein Mitkurator Volker Adolphs setzen Schwerpunkte bei der fotorealistischen Malerei und bei den Berliner Neoexpressionisten der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Warum fehlt die Pop-Art, obwohl dem Hausklassiker August Macke bescheinigt wird, in seinem Bildtypus der Frau vor Schaufenster eine neue Form der Flanerie kreiert zu haben, die sich der warenförmigen Welt „zustimmend zuwendet und auf ihre Harmonie vertraut“?

Antworten findet man im Katalog nicht

Doppelgänger des Flaneurs sind der Detektiv und der Trapper. Von einem 340 Seiten dicken Katalog erwartet man eine Fülle von Schlüsseln. Was war etwa los in jener Nacht des 6. Februar 1907, als sich eine von Franz Skarbina gemalte Menschenmenge vor dem Berliner Schloss versammelte? Die Antwort (Wilhelm II. ließ sich wegen des Siegs der Rechtsparteien bei den Reichstagswahlen feiern) findet man im Katalog nicht. Dieser enthält keine Einträge zu den ausgestellten Werken, die kommentarlos abgebildet und von locker gesetzten, zweisprachigen Essays zu den Topoi der Flaneurssemantik gerahmt werden. Dass eine Ausstellung, die von einer Publikation dieser Machart begleitet wird, einen Beitrag zur Erforschung ihres Gegenstandes leisten will, lässt sich nicht ernsthaft behaupten.

Den größten Schaden an ihrer Verständlichkeit tragen die allerjüngsten Werke davon, Videoarbeiten, die im Katalog nur durch ein paar Standbilder repräsentiert werden. Heute haben die Künstler endlich tatsächlich die technischen Mittel, sich als ihre eigenen Abbilder durch Stadtplanwelten treiben zu lassen. Sollten sie es wirklich nur darauf abgesehen haben, eine altgewordene Idee der Stadt als des schlechthin Modernen zu reproduzieren, die mit den tatsächlichen Arbeits-, Wohn- und Arbeitsverhältnissen nichts zu tun hat? Man möchte es nicht glauben: Das muss eine von diesen Großstadtlegenden sein.

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