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Ausstellung „Das Netz“ : Die Wirklichkeit hinter der Wolke

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Die Festplatte mit den Geheimdaten von Edward Snowden. Der britische „Guardian“ ließ sie lieber zerstören als die Daten der Regierung zu übergeben. Bild: © SDTB / Foto: C. Kirchner, Leih

Die Vorläufer des Internets waren tonnenschwer, das heutige ist kaum noch sichtbar: Das Berliner Technikmuseum zeigt in einer ideenreichen Schau, wie aus Kabeln „Das Netz“ wurde.

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          Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gibt es keine Mobiltelefone, Kreditkarten oder Computer. Aber es gibt ein Internet. Mit der Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Verlegung des ersten Transatlantikkabels zwischen England und Nordamerika im Jahr 1858 entsteht erstmals eine Technologie, die es ermöglicht, über Kontinente hinweg und fast ohne Verzögerung zu kommunizieren.

          Der Bau dieses ersten viktorianischen Internets ist harte Arbeit. Das Kabel ist mehr als einen Zentimeter breit und wiegt eine Tonne pro Meile. Weil ein einzelnes Schiff keine 2500 Tonnen transportieren kann, geht die Hälfte des Kabels an Bord des amerikanischen Marineschiffs USS Niagara, die andere Hälfte wird auf die britische HMS Agamemnon verfrachtet. In der Mitte des Atlantiks sollen sie sich treffen, um die Enden zusammenzuschließen. Das Kabel reißt zweimal. Nach einem dritten Misserfolg, verursacht durch die Kollision mit einem Wal, müssen die Schiffe schließlich in Richtung Irland aufbrechen, weil ihnen der Proviant ausgeht. Der vierte Versuch gelingt. Am fünften August werden die Telegraphennetze Europas und Amerikas miteinander verbunden.

          Stück vom ersten Transatlantikkabel Bilderstrecke

          Nur wenig später beginnen die Menschen, Dinge zu tun, die Nutzern des neuen World Wide Web bekannt vorkommen müssen: Sie informieren sich in London über das Wetter in New York, feiern transatlantische Telegramm-Hochzeiten und phantasieren von einer Welt, in der niemand mehr das Haus verlassen muss, um zu kommunizieren.

          Das überschüssige Atlantikkabel schnitt der New Yorker Schmuckhändler Tiffany & Co. damals in zehn Zentimeter kurze Stücke und verkaufte sie als Souvenir. Eines davon zeigt nun die neue Dauerausstellung „Das Netz. Menschen, Kabel, Datenströme“ im Deutschen Technikmuseum Berlin. Die Schau erzählt die Geschichte der Kommunikationstechnologie in rund 550 Exponaten ideenreich und assoziativ. Abenteuerlich sind ihre Fragen zu Netzanonymität, Spionage oder virtueller Romantik in den vergangenen zweihundert Jahren: Waren Brieftauben mit umgeschnallten Miniaturkameras die Quadrocopter-Drohnen des Ersten Weltkriegs? Was würden die schüchternen Besucher des Berliner Tanzlokals Ballhaus Resi, die in den 1950er Jahren erste Annäherungsversuche per Tischtelefon erledigten, von Tinder halten?

          Wie man Telefonleitungen knackt

          Für die spielerische und ausgesprochen anschauliche Präsentation der abstrakten Materie werden die Kinder und Jugendlichen, an die sich die Ausstellung vornehmlich richtet, dankbar sein. Für die Sektion über die Geschichte des Hacking gilt das wortwörtlich. Dass man einst ein Werkzeug - gar ein Spielzeug - benötigte, um sich in ein Netz einzuklinken, verdeutlichen im ersten Hauptbereich drei kleine blaue, gelbe und rote Pfeifen, wie sie in den sechziger und siebziger Jahren in Packungen amerikanischer Cap’n Crunch Frühstücksflocken enthalten waren. Ihr Ton beträgt genau 2600 Hertz - dieselbe Frequenz, die von der Telefongesellschaft AT&T genutzt wurde, um anzuzeigen, dass ein Anschluss frei war.

          Pfiff man mit ihnen in die Leitung, wurde das eine Ende des Anschlusses getrennt, während das andere in den Anwendermodus versetzt wurde. So konnte man kostenlos telefonieren. Der Hacker-Pionier John Draper, später unter dem Namen Cap’n Crunch bekannt, zog aus dieser Erkenntnis in einem Interview mit dem „Esquire“ den Schluss: „Eine Telefongesellschaft ist nichts weiter als ein Computer.“

          Die Ausstellung beleuchtet diese Aussage in ihrer ganzen Paradoxie. Denn obwohl ein Smartphone natürlich etwas ganz anderes ist als das festgeschraubte Flirt-Telefon im Berliner Tanzlokal, bleibt die Übertragung, Verarbeitung und Manipulation von Informationen auch hier materiell. In den frühen Jahren der elektrischen Telegraphie, als sich dicke Kabel durch Städte und Landschaften zu ziehen begannen, zweifelte daran noch kaum jemand - das Atlantikkabel-Stück von 1858 im zweiten, der Technik gewidmeten Teil der Ausstellung erinnert daran ebenso wie das Muster des Reichstelegraphenkabels München-Hof-Berlin von 1876. Zu dieser Zeit sprach man vom Netz als Objekt - „they string an instrument against the sky“, schrieb Robert Frost im Gedicht „The Line-Gang“ - und stellte sich vor, wie es vor den Signalen menschlicher Informationen buchstäblich erzitterte.

          Informationsvermittlung als Hochseilakt

          So selbstverständlich dachte man sich sogar Information als dinglich, dass im Jahr 1870 eine Frau in Karlsruhe versucht haben soll, ihrem im deutsch-französischen Krieg kämpfenden Sohn einen Teller Sauerkraut zu telegraphieren. Dieser sei ja schließlich auch per Telegramm an die Front berufen worden. Andere stellten sich die Drähte als eine Art Hochseil vor und versuchten, den kleinen Mann zu erspähen, der es mit Briefen beladen entlangeilte.

          Doch auch wer gelernt hat, Informationen in Bits zu messen und in Clouds zu speichern, kann das Netz anfassen. Bereits einige Schritte vor dem „Backbone“ mit seinen massiven Mobilfunkantennen, seinen wuchtigen Verteilerkästen und dem ausrangierten Switch des Frankfurter Internetknotens DE-CIX, liegt eine kleine Platte. Von außen ähnelt sie dem architektonischen Modell einer Industrieanlage mit Kraftwerken, Sandgruben und Lagerräumen. Innen ist sie leer. Es sind die Überreste der Hauptplatine eines HP Compaq 8200 Elite PC, der während der NSA-Enthüllungen im Jahr 2013 in der Redaktion des „Guardian“ mit Edward Snowdens Daten in Berührung gekommen war und deshalb auf Anweisung der britischen Regierung und Geheimdienste zerstört werden musste. Ihre tiefen Furchen lassen keinen Zweifel: Das Netz ist keine Wolke.

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