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Ausstellung : Auf Knopfdruck Kunst - Medienkunst

  • -Aktualisiert am

Videostill einer Installation von Mariko Mori Bild: Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe

Peter Weibel zeigt mit der Sammlung Kramlich im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) , wie amerikanisches Venture-Capital in Kunst umgesetzt wird.

          Erst einmal das Positive: Ein mehr als wohlhabendes amerikanisches Ehepaar investiert seit sieben Jahren in Kunst. Und da der Reichtum aus dem Neuen Markt stammt, gilt seine ganze Aufmerksamkeit Bildern, die aus Kameras kommen. Alles, was international Rang und Namen hat im Video-, Film- und Fotokunstgeschäft ist versammelt: Bruce Nauman und Bill Viola, Gilbert & George und Matthew Barney, Thomas Struth und Eija-Liisa Ahtila. Im Privathaus der Sammler flimmert es in jeder Zimmerecke. Das ist ungewöhnlich anstrengend. Der Nachteil: Im Museum wirken die sattsam bekannten Top-Positionen perfekt präsentiert. In der neutralen Umgebung aber auch wenig aufregend.

          Peter Weibel hat die Sammlung Kramlich ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) nach Karlsruhe eingeladen. Unter dem Titel „Seeing Time“ gewinnt man in der großzügigen Präsentation Einblick in dreißig Jahre internationaler Medienkunst. Jenem Segment der Gegenwartskunst also, das funktioniert, wenn der Schalter kippt und der Strom fließt: Projektoren werfen Dias an die Wand. Filme rattern aus Lichtkanonen. Bildschirme geben Video-Loops wieder oder sind szenisch im Raum installiert. Schließlich sorgen Leuchtkästen für brillante Farbigkeit von Foto-Stills.

          Eher konsequent als risikobereit

          Richard und Pamela Kramlich haben weniger auf Risiko, als mit Konsequenz gesammelt. Mit über fünfzig Jahren erwarb das Ehepaar 1993 seine erste Videoarbeit. Sie stammt von der Amerikanerin Dara Birnbaum und handelt von den Massakern unter chinesischen Studenten am Tiananmen-Platz Anfang der 90er Jahre. Inzwischen ist die Sammlung auf etwa 150 namhafte Positionen aus den Bereichen Video, Film und Diaprojektion angewachsen. Ein raumgreifendes Unternehmen, für das sich Kramlichs gerade ein passendes Gehäuse als Museum und Privathaus bauen lassen. Die international erfolgreichen schweizer Architekten Herzog & de Meron bauen für sie. In dieser Zeit ging die Kunst auf Reisen. Einzige europäische Station: Karlsruhe.

          Kramlichs Sammlung gilt weltweit als die höchstkarätigste und umfangreichste Medienkollektion in privaten Händen. Und öffentliche Häuser können sich Arbeiten von Bill Viola, Bruce Nauman oder Jeff Wall für mehrere hunderttausend Mark je Arbeit kaum leisten.

          Die Sammler ließen sich von Anfang an professionell beraten. Mit Thea Westreich stand ihnen eine begabte Fachfrau von der Art Advisory Service Gesellschaft in New York zur Seite. Sie spürte für die Kramlichs die besten und teuersten Perlen des Marktes auf. Dabei ging sie nach dem bewährten Muster vor: zwei Drittel Abgesichertes und ein Drittel Nachwuchs. So mischen sich Väter und Söhne und Töchter, ältere Arbeiten aus den 70er Jahren mit jüngst entstandenen.

          Vor allem junge Briten überzeugen

          Eine selten gezeigte Filmprojektion von Marcel Broodthaers „Fig. 0, Fig. 1, Fig. A“ aus dem Jahr 1971 ist zu sehen. Eine Diaprojektion von Lothar Baumgarten, „Eldorado“ von 1968 und „A Portrait of the Artists as Young Men“ , Gilbert & George 1972 als stilles Video. Mit Darren Almond, Steve McQueen, Mariko Mori und Jane und Louise Wilson ist die jüngere Generation prominent vertreten.

          Almond wurde 1971 in Großbritannien geboren. Er konfrontiert den Betrachter mit der unendlich gedehnten Wartezeit in einer leeren Gefängniszelle. Still und zäh fließen die Momente. Die Zeit rückt bedrückend näher, je länger man sich der Wand füllenden Projektion, in der nichts passiert, ausetzt. Bedrohlich erscheinen dagegen die fallenden Hauswände, „Deadpan“, die Steve McQueen stoisch über sich zusammenbrechen lässt. Subtil spielt der Brite auf Buster Keatons Klassiker „One Week“ von 1923 an. Mc Queen wird nur deshalb nicht getötet, weil er mutig wie eine Zielscheibe genau dort steht, wo ein Fensterloch den Ausstieg erlaubt. Mariko Mori, die populäre Japanerin und professionelle Medienfrau, schafft wieder Künstlichkeiten, die Zukunft suggerieren.

          Beeindruckend und optimal präsentiert ist der Beitrag des britischen Geschwisterpaars Jane und Louise Wilson. „Stasi City“ gibt, in eine raumgroße Ecke projiziert, den wandernden Blick in eine verlassene Stasi-Zentrale frei. Ein still und sinnlos dahinfahrender Paternoster zeigt nichts als Leere und authentische Spuren eines plötzlichen Aufbruchs.

          Die Sammlung Kramlich versammelt fast alle Aspekte der Medienkunst: Projektion, Video, Installation und Fotografie. Netzkunst bleibt überraschender Weise ausgespart. Ein Vorteil der Karlsruher Präsentation ist die Ruhe, bei der sich der Besucher auf jede Werksituation einlassen kann. Mit Muße lassen sich hier in jeder Koje neue Werk-Ebenen entdecken, die auf den üblichen Schnellrundgängen über Messen oder Biennalen auf der Strecke bleiben.

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