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Ausstellung : Auch in der Kunst sind Tiere Menschen

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Valie Export und Peter Weibel, aus der Mappe der Hundigkeit, 1968 Bild: Kunsthalle Baden-Baden

Die Kunsthalle Baden-Baden hat sich in einen Zoo moderner Gefühle verwandelt, die das Tier zum Vorwand haben.

          Die Kunsthalle Baden-Baden hat sich an diesem Freitag in einen Zoo der Grausamkeiten verwandelt: Da hängt totes Getier am Galgen und wird durch den Dreck gezogen, während zwei Eisbären zum Vergnügen des Publikums mit Hüten balancieren und afghanische Hunde angekettete russische Bären fressen. Das alles ist natürlich nicht echt. Schließlich hat die Kunst eigene Mittel entwickelt, sich über Film, Fotografie, Plastik oder Malerei wörtlich und doch distanziert mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen. Ein erster Vorausblick:

          "Das Tier in mir - die animalischen Ebenbilder des Menschen" ist der letzte Teil einer Ausstellungstrilogie, die vor einem Jahr in Baden-Baden begann und sich den wichtigsten Projektionsflächen menschlicher Werte und Gefühle widmet: dem göttlichen, dem Auto und nun dem Tier. Vor etwa 100 Jahren, als der Maler Franz Marc begann sich in die Seele des Rehs einzudenken und das Sich-als-Reh-Fühlen malte, begann das Tier in der Kunst eine völlig neue Rolle zu spielen: Es wurde bildwürdig. Und zwar nicht nur als Staffage oder Trouvaille, sondern als Mitgeschöpf des Menschen, das leidet und Glück empfindet, das sich paart, isst und schläft. Zugleich aber wurde das Tier Projektionsfläche schlechter Eigenschaften.

          Die armen Schweine

          "Du blöde Sau", hallt es immer mal wieder über die Straße. In den Städten laufen "doofe Ziegen" herum, die von "schnöden Tölpeln" angepöbelt und von "dummen Hunden" verfolgt werden. Wenn es um die negativen Seiten des Menschlichen geht - und dazu muss man wissen, dass Tölpel Vögel sind - fällt die Alltagssprache gern in Bildwelten der Tiere ein. Wir projizieren böse Emotionen auf sorglose Wesen, die bis vor 100 Jahren noch unser tägliches Leben teilten: auf Schweine und Kühe, Hasen, Spinnen und Ziegen.

          Franz Marc, Die blauen Fohlen, 1913

          In der Baden-Badener Ausstellung ist eine große Spinne zu sehen, die die französische Künstlerin Louise Bourgeois 1994 "Spider" nannte. Die damals 83-jährige Bildhauerin begann, sich bewusst mit ihrer Mutter auseinander zu setzen, von der Louise immer behauptet hatte, sie sei eine Spinne.

          Dieses Spinne-Sein übersetzte die weltberühmte Künstlerin ins Greifbar-Räumliche: Zahllose Beine aus schulterhohem Stahl krümmen sich zu einer Leibmitte, in der ein Glasgefäß mit einer blau-roten Flüssigkeit hängt. Ins Gigantische vergrößert, verschafft die alte Frau ihrer Mutter ein sehr persönliches Denkmal, das mehr ist, als bloße Worte ohne Dimensionen.

          Themen und Namen, ein zweiter Blick folgt

          Andere Werke der Ausstellung beschäftigen sich mit der Verwertung von Tieren in Schlachthöfen (Piero Steinle), mit dem Versuch, sie der Schönheit der Menschen anzugleichen (William Wegman), sie virtuell herzustellen (Kirsten Geisler), ihr grausam inszeniertes Spiel als Volksspektakel bloßzulegen (Sigmar Polke) oder ihr bedrohliches Potenzial hervorzuheben, wie wir es aus Märchen kennen (Stephan Balkenhol). Es geht um Geburts- und Todesgefühle, um Perversionen des Körpers, wie sie in Genmanipulationszeiten Realität werden (Sandra Munzel) und es geht vor allem um die Macht, die der Mensch gegenüber dem Tier ausübt, nicht ohne zugleich auch dessen Knecht zu sein (Valie Export/Peter Weibel).

          Dem Team um Kunsthallen-Direktor Matthias Winzen ist eine konzentrierte Schau gelungen, die nicht durch Material überfordert, sondern mit bekannten Namen und überraschenden Werken ein Thema präzisiert, dem auch der Ausgefuchsteste nicht entkommt.

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