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Ausstellung : Architektur als Dienstleistung

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Haus R 128, von Werner Sobek, Stuttgart Bild: Roland Halbe, Stuttgart/artur, Köln

Ab 22. Juli trifft die internationale Architektengilde auf ihrem Weltkongress in Berlin zusammen. Zwei Ausstellungen zeigen, was die Deutschen bauen.

          Deutschland hat mit der Entscheidung für den Wiederaufbau des barocken Stadtschlosses gerade gezeigt, was es von der modernen Architektur hält. Kurz vor Beginn des ersten Weltkongress der Architektur in Berlin werden eine Reihe von Architekturausstellungen gezeigt, von denen zwei gerade eröffnet haben.

          Im Haus der Kulturen werden Bilder aus der abendländischen Kultur vorgeführt, die nur vage etwas mit Architektur und Stadt zu tun haben. Die Odyssee reicht vom Turmbau zu Babel bis hin zum himmlischen Jerusalem, spart Schinkels Zeichnungen von Fabriken in Manchester ebenso wenig aus wie Vitruvs Proportionsbestimmungen am menschlichen Körper.

          „Geist und Seele der Stadt“

          Dazwischen immer wieder - Drohungen gleich - Le Corbusiers Visionen künftiger Städte. Erklärungen fehlen völlig, nicht einmal Bildunterschriften existieren. Die Moderne, so soll dem Betrachter suggeriert werden, ist die Verderbnis des Menschen schlechthin. Wie schön ist doch die alte Stadt, wie edel ein Renaissance-Palazzo. „Geist und Seele der Stadt“ lautet der antiquierte Titel dieses Panoramas im denkbar modernsten Gewand einer digitalen Präsentation.

          Büro Allmann Sattler Wappner, Herz-Jesu-Kirche in München, 2000

          Ganz traditionell in der Form hingegen ist das, was die Hamburger-Architektenkammer und die Bundes- Architektenkammer im Martin-Gropius-Bau vorstellen: „Neue deutsche Architektur“ (NDA). Eine deutsche und eine internationale Jury wählten 25 seit 1996 gebaute Objekte deutscher Architekten aus.

          „Neue deutsche Architektur“

          Überraschungen sind nicht dabei: Ob Werner Sobeks Glashaus in Stuttgart, das Bürohaus Berliner Bogen des Büros BRT in Hamburg oder die Dresdner Synagoge von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch - das war zu erwarten. Mit zehn „Signaturen“ genannten Würdigungen bedachte man zudem die „Altmeister“ des Bauens in Deutschland: Behnisch, Ungers & Co.

          Trotz eindrucksvoller Modelle, bei denen neben Paul Ingenhovens RWE-Hochhaus vor allem der geschmiedete Entwurf einer Sporthalle in Halstenbeck von André Poitiers fasziniert, langweilt die Ausstellung. Alles besticht durch solide Qualität, avancierte Technologie und interessante Materialien. Was aber fehlt, sind „Geist und Seele“. Man fühlt sich an die deutsche Fußballnationalmannschaft erinnert, liest man, was Ullrich Schwarz, Herausgeber des Katalogs, über den Zustand der aktuellen Architekturproduktion in Deutschland schreibt: „Wo ist denn euer Koolhaas, euer Gehry, eure Zaha Hadid?“, werde er im Ausland oft gefragt.

          Ohne heroische Geste, ohne Showeffekt geht es nicht mehr

          Auch wenn seine Antwort wohl formuliert daherkommt, an Rudi Völler erinnert sie schon: „Die deutsche Architektur erscheint anders: zurückhaltender, gedämpfter, leiser. Sie neigt nicht zu Extremen und nicht zu Showeffekten, sie sucht nicht das Heroische. Sie macht keine falschen Versprechungen, meidet die leere Innovation und die naive Fortschrittspose, sie strebt nach Substanz, manchmal auch nach Tiefe.“

          In der Tat: Einen Zinedine Zidane sucht man in der deutschen Architekturlandschaft vergebens. Trotzdem: Mit Hilfe der deutschen Tugenden können es nicht nur Fußballer an die Weltspitze bringen, lautet die Aussage der NDA. Die Ausstellung ist nämlich nicht nur für den Architekturkongress gemacht. Die Schau geht im Anschluss fünf Jahre lang auf Welttournee.

          Schau auf Welttournee

          Zunächst werden Mailand und Rom das Ziel sein, dann Stockholm und St. Petersburg, bevor die Ausstellung nach Asien weiterreist. Überall soll sie von der Qualität deutscher Architekten künden, ihren Ruf aufbessern und ihnen Aufträge einbringen. Liest man allerdings die überaus selbstkritischen Beiträge im Ausstellungskatalog, fragt man sich, ob solch eine Marketingaktion das Problem lösen kann. Denn in diversen Beiträgen wird das Hauptproblem deutscher Architektur benannt: Weder eine Hochschule noch eine Zeitschrift von Weltrang gebe es hier. Seit Jahrzehnten habe man jeden Anschluss an die internationalen Theoriedebatten verloren.

          Architektur als Dienstleistung

          Man begnüge sich in Deutschland mit Architektur als Dienstleistung, beklagt Dietmar M. Steiner von der avancierten Mailänder Zeitschrift „Domus“: „Deutsche Architekten wollen gute Bäcker, Schlosser oder Tischler sein und sehnen sich nach vergleichbar objektiven Leistungsmerkmalen.“

          Die beiden Berliner Ausstellungen zeigen einerseits schönen, aber sinnentleerten Bilderrausch vergangener Architekturen und andererseits eine technisch fortgeschrittene, äußerst pragmatische Architektenschaft, die in der reflexiv gewordenen Moderne keine Visionen mehr kennt.

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