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Ausländische Häuser für China : Kaufen Sie Europa, solange es noch steht

  • -Aktualisiert am

Für die chinesische Mittelschicht liegt jetzt die ganze Welt im Schaufenster. Sie entdeckt den Zweitwohnsitz an Orten wie Wales oder Sydney als Geldanlage und Traumerfüllung.

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          Im zweiten Untergeschoss der Glory Mall an der U-Bahn-Station Chongwenmen im Südosten Pekings wird an diesem Samstag der Westen neu vermessen - weniger allerdings ideologisch als nach Quadratmeterpreisen, Renditeerwartungen und voraussichtlichem Zugewinn an Lebensintensität. „Brechen Sie auf“, lockt einer der Stände, „und genießen Sie das exotische Leben in Großbritannien, um sich selbst von anderen zu unterscheiden und ein vollkommeneres Leben zu leben!“ SouFun.com, der führende Immobilienanbieter im chinesischen Internet, veranstaltet in dem Kaufhaus eine Börse für Wohnungen in Kanada, Amerika, Australien und Europa.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist ein gewaltiger Markt, der seit dem letzten Jahr für Chinesen immer interessanter wird. Während neue Wohnungen in Schanghai und Peking schon dreißig bis 35 Dollar pro Quadratmeter kosten und die Möglichkeit, mehrere Immobilien zu erwerben, durch neue Anti-Spekulations-Gesetze eingeschränkt wird, fallen die Preise in vielen westlichen Weltgegenden, und Währungen wie der Euro stehen für Chinesen so günstig wie nie zuvor.

          Hinzu kommt, dass man Boden in China nach wie vor nicht erwerben kann; man kann nur das Nutzungsrecht für eine Zeit von maximal siebzig Jahren erwerben. „Lasst uns nach Amerika gehen und Grundbesitzer werden“, lockt Sou.Fun.com daher und benutzt dabei ausgerechnet das Wort, das Maos Revolution wie kein anderes verteufelt hatte. Die Chinesen trügen seit fünftausend Jahren das „Grundbesitzer-Gen tief in den Knochen“, und nun könnten sie ihm endlich wieder folgen und zum Beispiel die „freie Lebensart“ in einer „multikulturellen Wohnsiedlung“ in Florida mit Golfplätzen, Flughäfen, Kirchen, Parks und Schulen in der näheren Umgebung genießen.

          In der Gruppe zu den Häusern reisen

          Auch die gegenwärtigen chinesischen Gesetze machen es für Investoren, die nicht ohnehin schon Geschäfte im Ausland betreiben, eigentlich schwierig, größere Summen in Übersee anzulegen: Jährlich darf man nicht mehr als fünfzigtausend Dollar ausführen. Aber viele Verkäufe, meint ein Makler, würden in China mit chinesischer Währung abgewickelt, und wie die einzelnen Immobilienfirmen das Geld ins Ausland schafften, brauche ihn nicht zu interessieren. Für den chinesischen Endverbraucher sieht jedenfalls alles ganz einfach aus.

          Viele Anbieter offerieren Häusertouren, auf denen die chinesischen Interessenten während einer siebentägigen Gruppenreise eine ganze Reihe von in Frage kommenden Objekten anschauen und alle Formalitäten gleich vor Ort erledigen. Eine Graphik zeigt, wie reibungslos alles funktioniert, vom Überweisen der Kaufsumme auf ein neutrales Konto über die Beurkundung bis zur Inbesitznahme. Wenn man sich schon im vorhinein für den Kauf von drei Objekten entscheidet, bekommt man die Reise für zwei Personen im Wert von 50.000 Yuan (etwa 6000 Euro) gratis.

          So ist es in den Pekinger Cafés und Pizzerien, in denen die gehobene Mittelschicht verkehrt, Tagesgespräch, dass man neuerdings den Kauf eines Weinguts in Frankreich oder eines Bauernhofs in Spanien in Erwägung zieht. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua schätzt sogar, dass zurzeit schon dreißig Prozent der chinesischen Immobilieninvestitionen ins Ausland gehen. Im letzten Jahr standen die klassischen Immigrationszonen Amerika, Australien, Kanada und Singapur im Mittelpunkt des Interesses. 2012 aber, strahlt Hu Qianqian, der Marketing-Direktor für die Übersee-Geschäfte von SouFun auf seiner Börse, habe wegen der Euro-Krise Europa das „größte Potential“.

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