https://www.faz.net/-gqz-8fxoh

Auschwitz-Prozess in Detmold : Lage der Nation

Der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning (Mitte) sitzt zwischen seinen Rechtsanwälten Johannes Salmen (r) und Andreas R. Scharmer in Detmold auf der Anklagebank. Bild: dpa

Wir fuhren nach Detmold – und fanden AfD-Gegner, die Flüchtlinge hassen, Flüchtlinge, die wie Putin reden, Deutsche, die über SS-Eltern sprechen, aber über SS-Nachbarn schweigen.

          8 Min.

          Da sitzt also Deutschland – die deutsche Vergangenheit – und schaut auf den Boden: Reinhold Hanning, 94, Wachmann in Auschwitz. Die Augen von Hanning kleben fest am Parkett, während Hedy Bohm, sie hat das KZ überlebt, in Worten die Bilder ausspricht, die Nico Hofmann produziert, wenn er Filme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ produziert: Viehwaggons, brüllende Uniformträger, Gas, Hunger, Appelle und Tod.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch den guten Deutschen, den Hofmann immer wieder herausholt aus seinem Kopf in seine Filme, den Retter, zumindest den Zweifler, in Hedy Bohms Story gibt es ihn nicht. Keine Fiktion, eine echte Geschichte in Detmold, im Auschwitzprozess.

          „Haben Sie keine Angst, schauen sie mich an!“, sagt Hedy Bohm irgendwann gegen den gesenkten Kopf Reinhold Hannings. Seit einer Stunde schon hängt er über dem Boden. Bohm spricht auf Englisch, 1948 zog sie nach Kanada. Die Dolmetscherkabinen dolmetschen, Hannings Verteidiger, der eine links, der andere rechts, flüstern ihm irgendwas zu.

          In ihren schwarzen Roben hängen sie an Hannings Ohren wie elegante und riesige Clips. Und er schaut hoch, doch schaut auf einmal zu mir. Die Augen von Hanning sind aufgescheucht, wach. Die Verteidiger deuten dann zu der Zeugin, und er dreht seinen Kopf, dreht seine Augen. Die Blicke treffen sich: Opfer und Täter.

          „Täter? Der war erst 19“, das sagen nicht seine Anwälte. Wie ein Tick rutscht dieser Satz, einen Tag vor dem Prozess, immer wieder aus dem Mund einer Frau mit schönem und kurzem kastanienfarbenen Föhnkopf. Zehn Kilometer von Detmold entfernt: Lage – die Karikatur einer Kleinstadt. Die Schaufensterpuppen zeigen Eierschalen-Farben in allen denkbaren, undenkbaren Variationen, dazu Accessoires mit vielen Fast-Diamanten. Und der Markt auf dem Marktplatz verkauft Rollatoren neben Gemüse.

          Rollatoren und Gemüse

          Lage ist alt, so sieht es zu mindestens aus. Auch in der Eisdiele, dort parkt an zwei Tischen eine Rollstuhlfahrer-Armee. Davor sitzt die Frau mit dem Föhnkopf und sagt immer wieder „Der war erst 19“. Sie selbst ist vielleicht Ende Fünfzig, seit dreißig Jahren Kassiererin und kennt Reinhold Hanning als Kunden, einen Kunden, der „ein ganz feiner Mensch ist“.

          Sie hat noch einen zweiten Tick-Satz, diese Frau. Es ist eine Frage nach dem Sinn des Prozesses. Mord verjährt nicht, so geht die deutsche Rechtsstaatlichkeit. „Ach, Rechtsstaat?“, sagt sie und zieht das Gesicht in der Mitte zusammen, als ob Rechtsstaat jetzt Krankheit bedeute. „Die Einzige, die angeklagt werden sollte, ist Merkel.“

          Neben der Frau mit dem schönen Föhnkopf sitzt ihr jüngerer Bruder, und wenn es nach ihm ginge, sollte Angela Merkel schon lange einsitzen im Knast. Auf einmal geht es nicht mehr um Hanning. Auf einmal wird mit den Worten „Flüchtlinge“ und „kriminell“ herumgeworfen. Auf einmal hat sich die deutsche Vergangenheit das Jetzt angezogen. Bevor es aber langweilig wird, wie es immer so langweilig wird in Flüchtlinge-sind-kriminell-Dialogen, spricht, denkt der Bruder dann weiter: „Wir müssen aufpassen, dass uns der Laden nicht um die Ohren fliegt. Denn diese AfD, das ist die größte Bedrohung der Demokratie.“

          Gegen Flüchtlinge sein und doch gegen die AfD – auch so geht das Deutschland von heute. Doch ich suche das Früher, Gedanken von heute zum Früher. Nicht nur deutsche Gedanken. Deshalb suche ich dort, wo die deutsche Angst lebt. „Übergangseinrichtung“, so heißt dieser Ort, das haben die Eisdielen-Geschwister erzählt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdogan bei Trump : Offene Worte an einen guten Freund?

          Trotz der diplomatischen Reibereien beider Länder dürfte Donald Trump den türkischen Präsidenten Erdogan in Washington herzlich empfangen. Aber bei dem Besuch könnte es auch um Menschenrechtsverletzungen gegen Kurden gehen, für die die Amerikaner Videobeweise haben sollen.
          Medial überpräsent: die sogenannten Snowflakes.

          Politische Korrektheit an Unis : Die Legende vom Meinungsdiktat

          Die ach so sensiblen „Schneeflocken“, die dem Ernst des Lebens nicht gewachsen sind, sind derzeit medial überpräsent. Doch dominiert an amerikanischen Universitäten wirklich die politische Korrektheit? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.