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Hypes in der Medizin : Aus Mäusen werden Menschen

Labormaus mit Nachwuchs. Bild: Leyung Wang

Wenn Forscher medizinische Hoffnungen wecken, gilt es, genau hinzusehen. Vorsicht Maus, heißt es jetzt im Netz. Nicht ohne Grund bekommt der Hype-Killer mächtig Zulauf.

          Die härtesten Arbeiter für die Forschung, da beißt die Maus keinen Faden ab, besitzen ein erbsengroßes Hirn und die wachesten Augen der Welt. Im harten Laboralltag hat das leider gar nicht viel zu bedeuten. Keine Maus kriegt einen Orden dafür, dass sie für Pillen, Psychosen und Diäten ihr Leben lässt. Wenn alles gut läuft, gut für den Forscher, dann schafft es die Maus irgendwie in die Schlagzeilen. Nicht persönlich, höchstens als Stellvertreter.

          Die Forschung, heißt es dann ganz unkompliziert, habe bewiesen, dass ein bestimmtes Wachstumshormon den Wunsch nach Gewichtsabnahme hintertreibe oder dass Sport während der Schwangerschaft den Nachwuchs vor Fettleibigkeit schütze – nein, nicht Nachwuchs heißt es, sondern Babys oder Kinder. Aus Mäusen werden Menschen. Solche Kurzschlüsse nagen an dem Stolz des Bostoner Gesundheitsforschers James Heathers, und man darf wenige Tage nachdem er sich auf Twitter als graumelierte Maus mit dem Konto „Justsaysinmice“ angemeldet hat, mit Fug und Recht behaupten: Die vorsätzliche Verdummung trifft einen Nerv. Ganze fünf Beispiele, wie Tierexperimente zu billigen medizinischen Medizintipps verarbeitet werden, hat Heathers mit dem schlichten, aber wie auf einem Warnschild groß geschriebenen Hinweis „in Mäusen“ markiert – und dafür innerhalb weniger Tage schon Zehntausende Follower eingesammelt.

          Höchste Zurückhaltung ist geboten

          Offensichtlich gibt es viel Sympathie für den Hype-Killer. Was an Mäusen gefunden wurde, sagt er, muss noch lange nicht für den Menschen stimmen. Der Mensch vergisst das gerne. Und wenn Parallelen wie beispielsweise bei psychiatrischen Leiden, etwa Demenzen, durch genetische Eingriffe ins Mäuseerbgut gezielt erzeugt werden, ist höchste Zurückhaltung und im klinischen Kontext auch Sensibilität geboten, das wissen die Gelehrten am allerbesten. Beispiel Alzheimer: In Mäuseexperimenten ist der Hirnzerfall längst zu stoppen, in klinischen Versuchen ist noch jeder Therapieansatz gescheitert. Heathers Warnhinweis vor Überinterpretationen heißt natürlich überhaupt nicht, dass Tierstudien keine aussagekräftigen Resultate liefern. Oder dass Alzheimer nie geheilt werden könnte. Es heißt lediglich: Vorsicht, vorläufiges Wissen. Als vor Jahren mit der Genomentschlüsselung herauskam, dass Mensch und Maus nicht nur etwa die Größe des Ergbuts (zirka drei Milliarden Bausteine) teilen, sondern in den Gensequenzen weit mehr als neunzig Prozent Gemeinsamkeiten besitzen, war damit längst nicht die Stellvertreterrolle der Maus festgeschrieben. Wie auch?

          Ratte, Katz und Kuh sind so weit weg auch nicht. Die eklatanten Unterschiede in der Genausprägung, der Regulierung und vieler molekularer Feinheiten markieren die (vielfach noch unentdeckten) Unterschiede. Auch im Immunsystem, Stoffwechsel und in den Stressantworten bringt die Maus andere Voraussetzungen mit. Am Ende aber sind es nicht die Abweichungen, sondern die Gemeinsamkeiten, die im Labor zählen. Wenn also, wie in diesen Tagen, holländische Forscher in Rattenhirnen Spiegelneurone entdecken und damit den biologischen Quell für Empathie und Mitgefühl, dann werden sie wohl keine weichen Knie bekommen und die Finger vom gefühligen Nager lassen. Sie werden vielmehr weiter danach suchen, was die Spiegelneurone dort bewirken – und darauf hoffen, irgendwann weitreichende Schlüsse für eine warmherzigere Zukunft menschlicher Gemeinschaften ziehen zu können.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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