https://www.faz.net/-gqz-9zruu

Radziwill-Ausstellung : Aus einem deutschen Malerleben

Die meisten seiner Bilder hat Franz Radziwill nach seiner Karriere im Nationalsozialismus verändert. Das Landesmuseum Oldenburg zeigt aber auch seine unangepassten frühen Werke.

          4 Min.

          Im Jahr 2020 kann man sich Franz Radziwill als Hauptvertreter des sogenannten „Magischen Realismus“ auf zwei grundverschiedene Arten nähern. Wie etliche Vertreter dieser verrätselten Variante der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre hegte auch Radziwill anfänglich Sympathie für einen „linken“ Nationalsozialismus, um sich nach einer halbherzigen Mitläufer-Phase in den Vierzigern und den Umwälzungen der Nachkriegszeit wie Beuys einer präökologischen New-Age-Kunst zu verschreiben. Gerade bei einem Autodidakten wie Radziwill scheint aber auch die künstlerische Suche nach einer eigenen Handschrift ab den zehner Jahren zwischen den grundverschiedenen Stilen von Impressionismus, Expressionismus, kitschigem Chagallismus und eben Neuer Sachlichkeit einer Betrachtung wert, weil sie viel über die unterschiedliche Herausbildung eines Individualstils verrät.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ließe sich der Maler so einmal als homo politicus zeigen, einmal als homo pingens, also rein von seiner künstlerischen Tätigkeit her, da keine offen propagandistischen Bilder von ihm bekannt sind. Das Landesmuseum Oldenburg hat sich nun für beide Perspektiven entschlossen – mit Erfolg. Das Universalmuseum im ehemaligen großherzoglichen Schloss (LMO) ist der natürliche Ort für eine umfassende Ausstellung zum 125. Geburtstag Radziwills, bildet es doch wie kein zweites Museum dessen eigene und zugleich deutsche Geschichte ab.

          Fast seit Beginn seiner malerischen Tätigkeit stellte das LMO im Schloss, das nach Abzug der wertvollsten Bilder durch den Republikflüchtling Großherzog Friedrich August von Oldenburg der Öffentlichkeit zugänglich war, den in der nahen Wesermarsch geborenen Radziwill aus.

          Janusköpfige Kriegsjahre

          Obwohl ihn in den zwanziger Jahren unter anderem die einflussreiche jüdische Sammlerin Rosa Schapire und Müller-Wulckow, Direktor des LMO, protegiert hatten, trat Radziwill 1933 in die NSDAP ein. Er diente sich den neuen Machthabern an, wurde noch im Sommer der Machtergreifung Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie und erlag den Schmeicheleien des überzeugten Nationalsozialisten am LMO, Werner Meinhof, der mit seiner Hilfe den Direktor ersetzen wollte. All das ging gründlich schief: Zu Recht über die Illoyalität des Malers enttäuscht, widmete Müller-Wulckow ihm keine Ausstellung mehr im LMO; seine Professur verlor Radziwill bereits 1935, als nationalsozialistische Studenten auf sein „untragbares“ expressionistisches Frühwerk hinwiesen; und 1937 wurde in der Münchner Schau „Entartete Kunst“ das „Porträt Radziwill“ von Otto Dix gezeigt. Allein in Oldenburg wurden im selben Jahr sechs seiner Gemälde konfisziert. Die Bilder, die in den Kriegsjahren entstehen, sind mit ihren vom Himmel stürzenden Flugzeugen weder defätistisch, wie der Maler es nach dem Krieg haben wollte – Flieger stürzten bei ihm schon in den Zwanzigern ab –, noch waren sie propagandistisch verwertbar. Ein Werk wie „Eisberge im Watt“ von 1940, das in einer Parallelschau im nahen Dangast gezeigt wird und offensichtlich Caspar David Friedrichs eissplitternde „Gescheiterte Hoffnung“ zitiert, konnte bei noch so großen dialektischen Verrenkungen unmöglich als Siegesbild gedeutet werden. Das ausgestellte „Auslaufendes U-Boot“ mit seinem winzigen Unterseeboot vor übermächtigem, schrundig gemauertem Bunker wirkt verloren, und ein zerschossener Stahlhelm brachte Radziwill kräftigen Ärger ein.

          Als wäre ein Bauer van Goghs in den grellen Lichtkegel von Murnaus „Nosferatu“ geraten: Franz Radziwills „Landschaft mit weißen Bäumen“, 1923 Bilderstrecke

          Auch die künstlerische Seite kommt aber über der politischen in der sehr dichten Hängung von 125 Werken in wenigen Schlosssälen nicht zu kurz. Die frühen sind mit ihrer künstlerischen Suchbewegung die stärksten, da man in Bildern wie „Lampen“ oder „Stehendes Paar im Café“ von der märchenhaft chagalligen Zeitentrücktheit dieses surrealen Stelldicheins bis zu expressionistischen Perspektivbrechungen und Farbextremen alles findet, was Radziwill in diesen Jahren auf Brauchbarkeit abklopft und so in seine Gemälde einbaut, wie das kein Arrivierter wagte. Aber auch weil jahrzehntelang vor dem papierschädlichen Licht geschützt, weisen die jüngst erst angekauften und nun erstmals ausgestellten Aquarelle, oft „nur“ im verdichteten Postkartenformat, eine seltene Farb- und Ideenfrische auf.

          Weitere Themen

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.