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Aus der schönen Plastikwelt : Die letzte Tüte

  • -Aktualisiert am

Es gab einmal eine Zeit, in der wir einfach alles, was wir kauften, in Plastik einpackten, ohne darüber nachzudenken. Ist das zu glauben?

          Anfang der Woche stand in den Zeitungen, dass die Europäische Union die Plastiktüte verbieten wolle. Die Überschriften lauteten: „Tod den Tüten“, „Vor Tüten hüten“, „Kampf gegen die Plastikplage“ oder „Obstbeutel vor dem Aus“. Außerdem gab es zahlreiche Wortspiele mit „gebeutelt“ oder „einpacken können.“

          Dabei hatte Umweltkommissar Janez Potočnik erst einmal nur erklärt, dass er die Richtlinie 94/62/EG, mit der in der Europäischen Union Fragen von Verpackung und Verpackungsabfällen geregelt werden, verändern wolle, damit jeder Staat selbst gegen Plastiktüten vorgehen kann, was erstaunlicherweise bisher nicht möglich war. Denn solange eine Tüte der Richtlinie entsprach, durfte sie in der Europäischen Union nicht verboten werden.

          Jährlich 200 Tüten je Europäer

          „Verstehen Sie das nicht als Kreuzzug gegen alle Arten von Plastiktüten“, sagte der Kommissar vor der Presse in Brüssel. Ihm gehe es vor allem um die dünnwandigen Tüten, die neunzig Prozent aller Plastiktüten ausmachen, aber oft nur ein einziges Mal zum Verkauf von Obst und Gemüse verwendet werden und danach nie wieder. „Sie bestehen aus Material, das Hunderte Jahre hält“, sagte der Kommissar, „aber wir nutzen sie nur für ein paar Minuten. Sie sind ein Symbol unserer Wegwerfgesellschaft.“

          Genaugenommen hält eine Plastiktüte fünfhundert Jahre, wird im Durchschnitt aber nur fünfundzwanzig Minuten benutzt. Danach greift der Durchschnittseuropäer zu einer neuen Tüte - und das zweihundertmal im Jahr. So kommen in Europa jährlich dreieinhalb Millionen Tonnen Plastiktüten in Umlauf. Um sie daraus wieder zu entfernen, werden sie recycelt oder verbrannt, landen auf einer Deponie oder im Straßengraben, wo der Wind sie erfasst und fortweht ins Meer, in dem sie schwimmende Teppiche bilden, in kleinste Teilchen zerrieben werden und in den Mägen von Vögeln, Krebsen, Fischen landen, um irgendwann über die Nahrung zu uns zurückzukommen. Fünfhundert Millionen Tonnen Plastik treiben allein im Mittelmeer, heißt es.

          Mit dem handgenähten Einkaufsbeutel

          In Deutschland waren die Reaktionen auf den Vorschlag zustimmend, die Kommentierung war wohlwollend. In einer Umfrage sprachen sich drei Viertel der Teilnehmer für ein Verbot von Plastiktüten aus. Eine Mehrheit der Deutschen kann sich aber auch eine Steuer oder Gebühr auf Tüten vorstellen. Bis es so weit ist, benutzen sie aber weiterhin Tüten. Es ist wie immer: Die Erkenntnis allein reicht nicht, es braucht ein Gebot, damit man ihr folgt. Aber die Tüte ist gar nicht das Problem.

          An meine erste Plastiktüte kann ich mich nicht mehr erinnern, obwohl ich schon fünfzehn Jahre alt gewesen sein muss, als ich sie in der Hand hielt. Davor nahmen wir zum Einkaufen selbstgenähte Beutel mit, deren Henkel über die Jahre so lang geworden waren, dass sie auf dem Boden schleiften, wenn ein Halbwüchsiger sie tragen sollte. Es gab keine Plastiktüten an den Kassen, das Klopapier war in demselben harten Packpapier eingeschlagen, aus dem es zu bestehen schien, und worin wir unseren Müll sammelten, weiß ich nicht mehr.

          Ich erinnere mich, dass wir Essensreste den Hühnern, Schweinen oder der Katze gegeben haben, dass es Milch nicht in Tüten, sondern in Glasflaschen gab, deren Deckel aus einer dünnen Alufolie bestand, die nie dichthielt, und dass wir die Plastikbüchsen, in denen Butter verkauft wurde, später dazu benutzten, Obst einzufrieren. Welchen Müll sollten wir gehabt haben, um ihn in eine Mülltüte zu stecken, die es meiner Erinnerung nach auch nicht gab. Das hört sich nach der Bundesrepublik der fünfziger Jahre an, ist aber späte Deutsche Demokratische Republik. Die DDR war kein Land der Tüten, aber sie war ja auch kein Land des Einkaufs.

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