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Zugriff auf Messenger-Chats : Der Staat als großer Bruder im Internet

  • -Aktualisiert am

Kommunikationsapps wie der Facebook-Messenger und Whatsapp nutzen eine sichere, sogenannte Ende-zu-Ende Verschlüsselung. Doch damit könnte nach einem Gerichtsurteil in den USA Schluss sein. Bild: Picture-Alliance

Ein Prozess in Amerika soll klären, ob Gerichten Zugriff auf verschlüsselte Kommunikation gewährt werden muss, wenn diese bei Konzernen wie Facebook und Apple anklopfen. Die Folgen des Urteils könnten weitreichend sein.

          Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. So ähnlich ist das mit der Technik: Wenn bei technischen Diensten bestimmte Daten nicht anfallen, können sie auch nicht herausgegeben werden. Beispielsweise speichern viele Anonymisierungs- oder Verschlüsselungsdienste von ihren Nutzern keine aussagekräftigen Informationen. Entsprechend bringt es wenig, von den Anbietern die Herausgabe von etwas nicht Vorhandenem zu verlangen. Allerdings besteht bei technischen Systemen dann doch ein Unterschied zum unbekleideten Mann: Ein Staat kann versuchen, Betreiber von Diensten dazu zu bewegen, ihre Technik zu verändern, sodass künftig die gewünschten Daten herausgegeben werden können. Er kann etwa eine Protokollierung von vorher nicht gespeicherten Informationen verlangen oder eine technische Mitwirkung beim Identifizieren oder Abhören von Verdächtigen. Er kann Gesetze dazu beschließen wie die Vorratsdatenspeicherung oder sogar versuchen, bestimmte Formen nicht abhörbarer Kommunikation zu verbieten.

          In den Vereinigten Staaten wird ein anderer Weg beschritten, der über einen inneramerikanischen Rechtsstreit hinaus Folgen haben könnte. Betroffen ist diesmal der Konzern Facebook, der mit seinem Facebook Messenger auch einen Kommunikationsdienst anbietet. Wie es sich für ein zeitgemäßes Angebot gehört, sind die Nachrichten über den Messenger verschlüsselt. Jetzt aber versucht die amerikanische Regierung gerichtlich, Facebook zur Mithilfe zu verpflichten, um die Verschlüsselung des eigenen Dienstes zu umgehen. Ausgangspunkt ist eine Ermittlung gegen Kriminelle, die den Messenger zur Kommunikation verwendet haben. Ein Bundesgericht in Kalifornien hat den Konzern dazu angehört und soll nun entscheiden.

          Facebook soll eigene Verschlüsselung sabotieren

          Facebook hat keinen Zugriff auf die Inhalte der Nachrichten, kann daher die Daten auch nicht herausgeben. Der Dienst ist so gebaut, dass zwischen den kommunizierenden Geräten eine direkte, verschlüsselte Verbindung aufgebaut werden kann, ohne Einblick von Facebook. Der Wunsch, von dem Unternehmen die Herausgabe der Inhalte zu verlangen, läuft also zunächst ins Leere. Viele technische Möglichkeiten bleiben Facebook nicht, wenn das Gericht im Sinne der Regierung entscheidet. Der Konzern erklärte den Richtern, der Messenger sichere die Nachrichten mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ab, also direkt vom Nutzergerät zu dem des Kommunikationspartners. Entsprechend müsste Facebook den Dienst technisch umbauen, um Dritten Einblick in die Kommunikation geben zu können.

          Gesetzt den Fall, dass Facebook keine Fehler bei der technischen Umsetzung der Verschlüsselung gemacht hat, gibt es dafür zwei Varianten: Wollten die Behörden an die verschlüsselten Nachrichten zwischen den Nutzern kommen, müsste Facebook entweder diese Verschlüsselungsmethoden absichtlich so weit schwächen, dass ein Entschlüsseln technisch möglich wäre. Oder aber der Konzern beendet das heute verwendete Konzept der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für seinen Messenger und wechselt zu einem Verfahren, bei dem er selbst die Schlüssel in der Hand hält und gegebenenfalls zur Entschlüsselung herausgibt.

          Urteil könnte internationaler Präzedenzfall werden

          Das FBI und das amerikanische Justizministerium hatten einen nicht ganz unähnlichen Fall bereits vor Gericht gebracht, dann aber fallengelassen: Apple sollte verpflichtet werden, für den Zugriff auf das iPhone eines Attentäters eine Hintertür einzubauen und die Sicherheits- und Verschlüsselungsmaßnahmen im eigenen Produkt zu hintertreiben. Dass der Fall nicht weiter verfolgt wurde, geschah vor allem aus zwei Gründen: Das FBI suchte sich zum einen erfolgreich andere technische Wege, um an die iPhone-Daten zu gelangen, zum anderen wehrte sich Apple öffentlichkeitswirksam und juristisch vehement gegen das Ansinnen.

          Von Facebook ist bisher öffentlich nichts zu hören. Anders als Apple vor zwei Jahren wirkt der Werbekonzern momentan ohnehin skandalgeschüttelt, von allen Seiten kritisiert und in die Ecke getrieben. Sein Chef Mark Zuckerberg konnte mit seinen Auftritten vor dem Kongress in Washington und dem europäischen Parlament keinen Boden gutmachen, der Aktienkurs schlingert. Dass sich Zuckerberg wie der Apple-Chef Tim Cook nun auch als überzeugter Verfechter der Rechte seiner Nutzer in die öffentliche Arena stellt, scheint schwer vorstellbar. Doch der Gerichtsfall dürfte großes Interesse wecken, auch jenseits der amerikanischen Grenzen. Denn falls Facebook gezwungen wäre, eine Hintertür zum Abhören der Messenger-Inhalte einzubauen, entstünde nicht nur ein Präzedenzfall, es wären auch Millionen internationale Nutzer mitbetroffen. Da die halbe Welt amerikanische Dienste zur Kommunikation nutzt, wäre eine Entscheidung zu Ungunsten Facebooks auch für andere amerikanische Anbieter und ihre Nutzer ein fatales Zeichen.

          Falls das Gericht das Ansinnen der amerikanischen Regierung jedoch zurückweisen sollte, drohen vielleicht noch ganz andere Ideen am Horizont. In China zum Beispiel zwingt man die Nutzer, ihre Smartphones und Passwörter herauszugeben, um in geschützte Nachrichten von WhatsApp, Twitter oder dem japanischen Messenger Line hineinzuschauen. Doch zu chinesischen Verhältnissen möchte im Westen sicher niemand Vergleiche ziehen, allein schon, weil die rechtsstaatlichen Standards nicht vergleichbar sind. Allerdings muss sich auch der Westen seit den Enthüllungen von Edward Snowden fragen, ob in Sachen Kommunikationsüberwachung ein totalitärer Denkansatz nicht längst Einzug gehalten hat.

          Seit die Idee der Vorratsdatenspeicherung, also das Festhalten der Kommunikationsmetadaten der gesamten Bevölkerung, als quasi unausweichlich dargestellt wurde und seit der enormen Ausweitung der Erlaubnis zum staatlichen Hacken von Computern und Smartphones macht sich ein bedenklicher Zeitgeist breit: dass jede digitale Kommunikation bei Bedarf abhörbar zu sein hat. Man muss nicht erst nach China schauen, um das als Irrweg zu erkennen.

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