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Kolumne: Aus dem Maschinenraum : Verbrecherjagd mit Big Data

  • -Aktualisiert am

Marketingbegriff oder nicht: Big Data ist überall. Bild: dpa

Polizeiarbeit 3.0: Die Zukunft und die Vergangenheit klar vor Augen und den „Minority Report“ im Hinterkopf. Kann eine intensivere Datenauswertung für eine höhere Sicherheit sorgen?

          4 Min.

          Der Traum vom Computer, der quasimagisch die Zukunft vorhersieht, ist älter als der erste funktionierende Computer selbst. Nicht nur Strafverfolger und Geheimdienste sind seit langem an Software interessiert, die solche Vorhersagen verspricht: Durch die Analyse großer Datensammlungen könnten vielleicht zukünftige Kriminalitätsschwerpunkte ausgemacht, bestenfalls auch Verbrechen verhindert werden.

          Seit „Big Data“ in aller Munde ist, hat sich diese Hoffnung noch verstärkt. Mag es auch in Wahrheit ein schnöder Marketingbegriff sein, so verbinden sich damit dennoch ganz praktische Fortschritte bei der Auswertung großer Datenbestände ebenso wie bei der algorithmischen Entscheidungshilfe. Und dass mit jedem Tag Milliarden Datenhäppchen produziert werden und sich diese gigantische Menge teilweise in Echtzeit durchforsten lässt, nährt die Träume einer funktionierenden Software-Prognose.

          Big Data : Nutzen und Risiken der Datenflut

          Errechnete Verdachtsmomente

          Es geht nicht um vollzogene Verbrechen, es geht in erster Linie um Verdachtsmomente, die man vorab erkennen möchte: Man ist erinnert an die Kurzgeschichte von Philip K. Dick, die im Jahr 2002 durch den Spielberg-Film „Minority Report“ weltberühmt wurde und in der künftige Verbrechen erkannt und verhindert werden, bevor sie begangen werden können. Potentielle Verbrecher werden verhaftet, sobald ihre Taten vorhergesehen wurden. In der Science-Fiction-Geschichte, die um das Jahr 2050 spielt, übernehmen drei jugendliche „Precogs“ die Rolle vorausschauender Wesen, die miteinander und mit einem zentralen Computer verbunden sind. In der heutigen Digitalwelt soll das von Software allein erledigt werden.

          Pierre-Simon Laplace, der französische Mathematiker und Politikdilettant, formulierte den Traum der vorausschauenden Computer schon Anfang des 19. Jahrhunderts: „Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“

          Umsetzung einer Vision

          Später versuchten sich die Kybernetiker und ihre sozialistischen Brüder im Geiste, die Planwirtschaftler, an der Umsetzung dieser Vision. Sie alle einte der Gebrauch der immer gleichen Entschuldigung, wenn ihre Vorhersagemodelle die Realität nur ungenügend abbilden konnten: Wir haben einfach nicht genügend Daten!

          Die Erben des Traums von der deterministischen Weltsicht sind nun einige Innenpolitiker, und Daten gibt es vermutlich mehr, als sich Laplace vorstellen wollte. Aus der Erfahrung ihrer Vorgänger etwas klüger geworden, versprechen die Hersteller der algorithmischen Magie nicht mehr präzise Vorhersagen von Verbrechen, aber doch brauchbare Hinweise darauf, in welchen Gegenden zu welchen Zeiten tendenziell mehr Verbrechen stattfinden werden.

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