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Privatheit der Kommunikation : Datenklau in gutem Glauben

  • -Aktualisiert am

Armes England: Jeder Mitarbeiter des National Health Trust – des öffentlichen Gesundheitssystems – hat Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte Bild: dpa

Der Diebstahl von vertraulichen Datensätzen wie Krankenakten weist auf ein grundsätzliches Problem der digitalen Vernetzung: Immer mehr Leute in Firmen und Behörden haben Zugriff auf sensible Informationen.

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          „Gentlemen don’t read each other’s mail“. Dieser Grundsatz ehrenvollen Verhaltens scheint nicht nur in Großbritannien gründlich in Vergessenheit geraten zu sein. Doch Respekt vor der Privatheit der Kommunikation anderer ist ein grundlegender zivilisatorischer Wert. Nicht umsonst ist der Ruf von Geheimdiensten und sonstigen Schnüfflern, die systematisch dagegen verstoßen, nicht der beste. Nun ist eine schwärende Wunde aufgebrochen, die lange unter der Oberfläche des britischen Establishments gärte. In großem Umfang und über viele Jahre hat eine verschworene Symbiose von Privatschnüfflern und Reportern, unterstützt und gedeckt durch bestochene Polizisten und willfährige Politiker, nicht nur Prominente abgeschnorchelt, die im öffentlichen Bewusstsein ohnehin als Privatsphären-Freiwild gelten. Der Sensationsgier fielen auch normale Menschen zum Opfer, die bereits Verbrechensopfer waren oder anderweitig in die Boulevard-Maschinerie gerieten.

          Anders als der jetzt häufig gebrauchte Begriff des „phone hacking“ suggeriert, hatten die Geschehnisse jenseits des Ärmelkanals wenig mit tatsächlichem Hacken zu tun: Anrufbeantworter waren ein leichtes Ziel. Technisch gesehen ist das quasiindustrielle Auswerten dieser Telefon-Mailboxen eine eher triviale Geschichte. Die Reporter bezahlten Privatschnüffler dafür, jeweils die aktuellen Tricks und Kniffe zu kennen und anzuwenden, mit denen man fremder Leute Anrufbeantworter belauschen kann.

          Drecksarbeiter der Informationsgesellschaft

          Und die Telefonanbieter machten es ihnen leicht: Alles, was sie brauchten, war die Rufnummer des Opfers. Denn ausnutzbare Lücken im Telefonsystem gab es über die Jahre eine ganze Reihe, angefangen von einfach zu ratenden voreingestellten PINs bis zum Austricksen des Anrufbeantworters durch Vorspiegelung der zum Nachrichtenabhören berechtigten Rufnummer. Für Letzteres nutzen die Drecksarbeiter der Informationsgesellschaft, die offiziell gern als „private investigator“ firmieren, eine besondere Eigenschaft verschiedener Internet-Telefonieanbieter aus: Die Nummer, die beim angerufenen Teilnehmer im Display angezeigt wird, kann frei gewählt werden. Davon sollte sich eigentlich ein Anrufbeantworter nicht beeindrucken lassen, doch die schlampig programmierten Systeme bei den Mobilfunkanbietern gehorchten trotzdem aufs Wort. Auch bei deutschen Providern funktionierte diese „number spoofing“ genannte Technik über Jahre hinweg.

          Schnüffler im Auftrag der Boulevardpresse: letzte Ausgabe der „News of the World”
          Schnüffler im Auftrag der Boulevardpresse: letzte Ausgabe der „News of the World” : Bild: dapd

          Die Schnüffler im Auftrag der Boulevardpresse machten jedoch nach den belauschten Anrufbeantworternachrichten von ein paar tausend Personen nicht Halt. Sie beschafften auch in vielen Fällen vertrauliche Datensätze wie Kreditinformationen und Krankenakten, indem sie Mitarbeiter der entsprechenden Firmen täuschten oder bestachen. Das weist auf ein gravierendes Problem hin: Durch die mit der Digitalisierung einhergehende Vernetzung der Systeme haben nun potentiell viele tausend Mitarbeiter Zugriff auf sensible Informationen. War früher die Krankenakte nur für den behandelnden Arzt zugänglich, kann heute jeder Mitarbeiter des National Health Trust – des öffentlichen Gesundheitssystems in Großbritannien – Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte erlangen.

          Auch deutsche Boulevardmedien sind keineswegs zimperlich

          Ob er das in gutem Glauben tut, weil der nette Anrufer sich glaubhaft als Arzt im Ausland ausgibt, der dringend für den Patienten die alten Laborwerte benötigt, oder ob er sein Gehalt durch ein „Informationshonorar“ aufbessert, ist für das Datenopfer zweitrangig. Statt einer kleinen Handvoll Menschen, die wir oft noch persönlich kennen, müssen wir nun vielen tausend vertrauen, oft genug unterbezahlte Call-Center-Kräfte, womöglich im Outsourcing-Ausland.

          Sage niemand, das könne in Deutschland nicht passieren: Die Deutsche Telekom hat ihre Version dieses Skandals schon hinter sich. Je größer die Systeme, je mehr Menschen potentiell und praktisch Zugang zu Informationen haben, für die Interessenten bereit sind, Geld oder Gunst auszugeben, desto stärker steigt das Risiko, in die eine oder andere Skandalmühle zu geraten. Auch deutsche Boulevardmedien sind oft keineswegs zimperlich, wenn es um die Beschaffung des entscheidenden Informationshäppchens geht.

          Bleibt die Frage nach der Rolle der Presse und den Grenzen ihrer technischen Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung. Zu Recht sind die Forderungen nach stärkerer Regulierung und Beschränkung der Medien derzeit noch verhalten, nicht zuletzt, weil es mit dem britischen „Guardian“ ein monatelang insistierendes Medienhaus war, das den Skandal ans Tageslicht zerrte, sekundiert durch viele britische Twitter-Nutzer, die Boykottaufrufe starteten.

          Wie weiter mit den Medien?

          Rupert Murdochs Einfluss auf die anglo-amerikanische Meinungsbildung und Politik zu reduzieren, der über Jahrzehnte unumstößlich schien, ist kein leichtes oder ungefährliches Unterfangen. Dass der Hauptinformant des „Guardian“, Sean Hoare, ein ehemaliger „News-of-the-World“-Reporter, überraschend am Montag verstarb, ist im Umkreis von Skandalen um Murdoch keine Ausnahme. Auch Big George Webley, der als Musiker bei Murdochs Sky TV arbeitete und in die Öffentlichkeit brachte, dass im Sender routinemäßig die Umkleideräume abgehört wurden, überlebte seine Courage nicht lange.

          Wie aber nun weiter mit denjenigen Medien, die Skandalisierung ohne Rücksicht auf Lebensläufe als wichtigstes Mittel zum Überleben zu sehen scheinen? Die Gefahr, dass Politik und Wirtschaft die Chance nutzen, sich durch ein restriktives Presserecht lästige Berichterstattung vom Hals zu schaffen, ist groß. Der Preis wäre eine Medienlandschaft, in der die verbliebenen investigativen Journalisten keine Luft mehr zum Atmen hätten. Die Abschnorchel-Operationen an sich sind ohnehin strafbar. Allerdings sollte man eine stärkere Verantwortung speziell der Boulevard-Redaktionen für die Methoden ihrer Mitarbeiter und Auftragnehmer diskutieren.

          Eine sinnvolle Reaktion wäre zudem die Verschärfung der Haftung von Telekommunikationsanbietern, die derzeit für klaffende Sicherheitslücken nur die Abwanderung aufmerksamer Kunden, aber keine relevanten Strafen oder gar umfangreiche Schadensersatzforderungen befürchten müssen. Wenn es billiger ist, die Sicherheit von Kundendaten gegen die Wahrscheinlichkeit eines schnell vergessenen Skandals abzuwägen, wird wenig für die Sicherheit der Kundendaten geschehen.

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