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Passagierkontrolle : Der Flughafen ist auch eine Zensurmaschinerie

  • -Aktualisiert am

Sicherheitskontrolle am Münchner Flughafen Bild: Picture-Alliance

Wer die Daten auf seinem Laptop schützt, fliegt raus – oder gar nicht. Muss man sich in Zukunft zwischen der Wahrung des Datengeheimnisses und Flugsicherheit entscheiden?

          3 Min.

          Sie kennen das: Vor dem Antreten einer Flugreise gehen Sie in Gedanken durch, ob sich im Gepäck vielleicht Gegenstände befinden könnten, die beim Reisen Ärger bedeuten. Man möchte die Lieblingsnagelfeile nicht loswerden, das praktische Schweizer Messer, das man gelegentlich dabeihat, soll einem nicht abgenommen werden.

          Neben dem oft widersinnigen Sicherheitstheater und dem allumfassenden Datenabgleich mit wer weiß was für internationalen Datenbanken kamen in den letzten Jahren weitere Erwägungen dazu, wie man Ärger vermeidet, wenn man ein Flugzeug besteigt: Was ist mit meinen Computern, Datenträgern und Telefonen, lieber im Handgepäck oder in den Koffer? Welche Rechte habe ich als Passagier, wenn jemand bei der Aus- oder Einreise einen Blick in den Rechner oder auf das Telefon zu werfen verlangt? Darf mein digitales Gehirn gar kopiert werden? Kann ich das ablehnen, aber darf ich dann noch fliegen, oder bin ich dann unerwünscht?

          Professionelle Geheimnisträger

          Für professionelle Berufsgeheimnisträger, die etwa Kundendaten mit sich tragen, gibt es oft Vorgaben für den Schutz der digitalen Informationen auf Reisen. Verschlüsselung der Festplatten ist häufig Standard, Back-ups für den Verlustfall werden pünktlich vor Reiseantritt erstellt. In manchen großen Unternehmen wird vor Abflug die Rechtslage bei Beschlagnahme oder Durchsuchung an Flughäfen schon routinemäßig abgeklärt. Dass man allerdings nicht auf der „No-Fly List“, der „Selectee List“ oder anderen Warnlisten landet, darauf kann man nur hoffen.

          Wie machtlos man beim Fliegen den Behörden gegenüber ist, erfuhr der Technische Leiter eines amerikanischen Unternehmens für IT-Sicherheit auf einem Inlandsflug letzte Woche: Da Chris Roberts in der Branche tätig ist, bereitet ihm eine professionelle Vorbereitung in Bezug auf die Sicherung der eigenen Datenträger zwar kein Kopfzerbrechen – natürlich alles verschlüsselt –, aber seine Computer und Festplatten blieben beschlagnahmt auf dem Flughafen zurück. Er hatte sich aufgrund der gespeicherten Kunden- und firmeneigenen Daten auch nach stundenlangen Diskussionen geweigert, seine Computer für eine Inspektion des Inhalts freizugeben.

          Einschüchterungsmaßnahmen

          Wie in vielen der bekanntgewordenen Fälle geschah die Schikane keineswegs zufällig. Roberts hatte sich im März und April in Interviews mit dem US-amerikanischen Fernsehsender „Fox News“ über Sicherheitsschwachstellen in Flugzeugen geäußert. Er erklärte die technischen Möglichkeiten, sich mit entsprechendem Wissen über die Netzwerke der angebotenen Unterhaltungsprogramme für Passagiere in das Kommunikationssystem im Cockpit eines Flugzeugs einzuklinken. Netzwerksysteme in Flugzeugen sind in einen Cockpit- und einen Passagierbereich getrennt, die Sicherheitslücke erlaubte den Wechsel in den sonst nur für die Crew zugänglichen Kommunikationsbereich und damit auch zur elektronischen Steuerung von Fluginstrumenten. Der von Roberts beschriebene Angriff wäre gar von außerhalb der Maschine machbar, wenn man ein entsprechendes Gerät hinterlegen würde.

          Vagabundierende Terroristen oder friedliche Reisende? Nicht jeder, der seinen Computer verschlüsselt, führt Böses im Schilde.

          Dass Board-Entertainment-Systeme und Drahtlosnetzwerke für Internetzugang während des Fluges angreifbar sind, ist so neu nicht: Schon im vergangenen Jahr wurden mehrere Angriffswege von Hackern auf Sicherheitskonferenzen beschrieben. Roberts und andere Forscher hatten die Schwachstellen in jahrelanger Korrespondenz mit der für Luftfahrt zuständigen Behörde erörtert, die versprochen hatte, sich der Probleme anzunehmen und die Lücken zu schließen. Selbst fundierte Vorschläge zum Abdichten von Sicherheitslöchern hatte Roberts der Luftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten unterbreitet, schließlich ist er beruflich IT-Sicherheitsberater. Nach fünf Jahren war seine Geduld am Ende, er wandte sich an die Presse.

          Das wurde von den Behörden nicht goutiert. Der Überbringer der schlechten Nachricht hat nun das FBI am Hacken, das er früher in Sachen IT-Sicherheit selbst beraten hatte. Doch weil es auch in den Vereinigten Staaten nicht strafbar ist, über bestehende Sicherheitslücken im Fernsehen zu sprechen, wurde eben der Flughafen missbraucht, um Roberts einzuschüchtern. Denn hier gibt es rechtsfreie Räume, in denen man bei mitreisenden Computern jenseits der sonst üblichen rechtsstaatlichen Mittel agieren kann.

          Ohnmacht und Ungewissheit

          Auch die alltäglichen Fälle verweigerter Einreise folgen diesem Muster. Letzte Woche wurde über die Chefin einer Kinderhilfsorganisation berichtet, die politisch in Ungnade gefallen war und mitsamt ihren Kollegen eine Indienreise nicht antreten konnte. Betroffen waren auch die mitreisenden Journalisten, zu deren Berufsbild es allerdings seit langem gehört, dass an Flughafen-Gates die Reise zuweilen schnell enden kann. Das Auswärtige Amt möchte im Fall der Kinderhilfsorganisation nun vermitteln. Bei den Vereinigten Staaten macht sich das Auswärtige Amt nicht mehr die Mühe: Von Deutschland aus bekommen mehrere hundert Reisende pro Jahr direkt beim erhofften Abflug eine sogenannte „No-Board-Empfehlung“ für den Flug in die Staaten ausgesprochen und können faktisch nicht fliegen. Den Grund erfahren sie nicht: Ist es nur eine Verwechslung, ein Computerfehler, trägt man vielleicht den falschen Nachnamen, wird man selbst oder Bekannte oder Verwandte tatsächlich beschuldigt? Wird sich das bei der nächsten Reise wiederholen?

          Aus den Snowden-Dokumenten wissen wir seit letzten Sommer, dass allein in der amerikanischen Terrorismusdatei „TIDE“ eine Million Personen verzeichnet sind. Diese absurd hohe Anzahl wird auch nicht mehr bestritten, der Wissenschaftliche Dienst des Kongresses hat Anfang April angegeben, die Personenzahl habe sich um weitere einhunderttausend Menschen erhöht. Da Datensätze innerhalb der internationalen Geheimdienst-Syndikate aber nicht selten vagabundieren, erklären sich die immer häufiger auftretenden Fälle von Einschränkungen der Reisefreiheit weltweit. Denn in „TIDE“ sind nur 25.000 Bürger der Vereinigten Staaten verzeichnet.

          Die alltäglichen wie die prominenteren Fälle haben dreierlei gemein: Der Grund für die Rückweisung bleibt unklar, der Rechtsweg in der Regel verschlossen und die Ohnmacht groß.

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