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Microsoft und Google : Hippe Tech-Brillen für Krieg und Unterdrückung

  • -Aktualisiert am

Alex Kipmanvon Microsoft bei der Präsentation der HoloLens 2 in Barcelona Bild: Reuters

Mitarbeiter von Microsoft protestieren öffentlich gegen die Zusammenarbeit mit dem Militär – Google hat auf ähnliche Kritik schon reagiert.

          4 Min.

          Nicht alle Tage kommt die Tech-Branche zu einem internationalen Stelldichein mit über 100.000 Besuchern zusammen, auf das Entwickler und Marketing-Abteilungen vieler Konzerne monatelang hinarbeiten. Wenn dann aber vor der strahlenden Produktpräsentation die eigenen Mitarbeiter öffentlichkeitswirksam meutern, kann das dem angepriesenen Produkt nachhaltig die Show vermiesen. Potentielle zukünftige Angestellte könnten sich auf der großen Tech-Messe, die doch als Mekka für die Anwerbung neuer Leute gilt, verschreckt abwenden.

          So ging es Microsoft vor der großen HoloLens-Show in der vergangenen Woche in Barcelona. Der Verkauf der zweiten Generation dieser hochauflösenden Augmented-Reality-Brille auf mehreren Kontinenten sollte glamourös starten. Doch die eigenen Leute aus dem Konzern riefen eine Rebellion aus und brandmarkten in einem öffentlichkeitswirksam plazierten Brief die enge Zusammenarbeit mit dem Militär. Die Mitarbeiter schrieben, dass sie die Technologie von „HoloLens 2“ etwa für Ärzte bei medizinischen Operationen oder für Architekten beim Hausbau entwickeln, nicht jedoch als Handlanger für Mordwerkzeuge unter Vertrag stünden.

          Google hatte eine ähnliche Diskussion um Militäraufträge im vergangenen Jahr nur mit einigen Schrammen hinter sich gebracht. Als der Konzern einen Vertrag mit dem Pentagon geschlossen hatte, um Bildmaterial von Drohnen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz auszuwerten, unterzeichneten mehrere tausend Google-Angestellte eine öffentliche Petition dagegen. Sie forderten, man möge sich aus dem „Kriegs-Business“ heraushalten. Im Juni gab Google bekannt, seinen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium nicht mehr zu erneuern. Der Werbe-Konzern hat keine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit Militärs, auf die Rücksicht genommen werden müsste.

          Mitarbeiter fordern strengere ethische Richtlinien

          Die Konkurrenz bei Microsoft ließ sich von dem geschickt plazierten Protest ihrer Mitarbeiter allerdings nicht so einfach umstimmen. Traditionell wurden Kooperationen mit der amerikanischen Armee seit Gründung von Microsoft vor vier Jahrzehnten etabliert und ausgebaut. Mehr als auf jeden anderen Tech-Konzern verlässt sich das amerikanische Militär auf Microsoft-Produkte.

          Das amerikanische Verteidigungsministerium und Microsoft hatten gerade einen Vertrag über fast eine halbe Milliarde Dollar unterzeichnet, um die mit HoloLens entwickelten Techniken für virtuelle Realitäten bei Einsätzen der Armee zu integrieren. Im Vertrag steht, dass die HoloLens-Brille beim Armeeeinsatz in Waffensystemen deren „Tödlichkeit erhöhen“ werde. Das brachte einige Mitarbeiter auf die Barrikaden und passte so gar nicht zum ansonsten gepriesenen Einsatz der neuen Technik am Arbeitsplatz oder im Spielesektor.

          An die Unternehmensleitung richtete sich daher die Forderung der Microsoft-Mitarbeiter in dem offenen Brief, nicht nur den Vertrag mit dem Pentagon vom November für ungültig zu erklären, sondern auch strengere ethische Leitlinien zu entwerfen. Verbunden wurde der Brief mit einer Aufforderung an Kollegen, ihn weiterzuverbreiten und mit zu unterzeichnen, wenn man ebenfalls dagegen sei, an „Technologie für Krieg und Unterdrückung“ mitzuarbeiten.

          Microsoft geht anders mit Protest um als Google

          Die Microsoft-Angestellten appellierten nicht nur an den moralischen Kompass der Mitarbeiter und Kunden, sondern auch an den der Aktionäre. Man drohe durch das Augmented-Reality-Produkt zum „Kriegsgewinnler“ zu werden. Die überaus deutliche Wortwahl des Briefes verfehlte die erhoffte Wirkung nicht: Der internationale Produkt-Launch in Spanien wurde überschattet von einer Diskussion um Waffen und Gewalt, die kein Verantwortlicher und auch kein Personaler im Konzern gebrauchen konnte. Da reiste extra die halbe Chefetage mitsamt Satya Nadella als Keynote-Redner an, um die Innovationskraft und technische Vormachtstellung des Konzerns zu betonen. Doch statt über Zukunftsmärkte und hippe Augmented-Reality-Brillen reden zu können, sahen sie sich in allen Interviews mit Fragen nach Militär, Gewalt und Kriegen in der Ära Trump konfrontiert.

          Natürlich versicherte Microsoft-Chef Nadella pflichtschuldig, man werde den Dialog mit den Angestellten suchen. Allerdings sehe man auch künftig keinen Grund, dem Militär Technik vorzuenthalten. Bedenkt man den HoloLens-Verkaufspreis, der in Barcelona pro Stück auf etwa 3500 Dollar für Geschäftskunden beziffert wurde, käme es den Konzern auch teuer zu stehen, die zahlungskräftigen Militärs außen vor zu lassen. Dies sei aber als eine „prinzipielle Entscheidung“ des Unternehmens zu sehen. Außerdem sei man stolz, viele Militärveteranen unter den eigenen Angestellten zu haben.

          Dennoch wolle man nun mehr über „unintendierte Folgen“ von Technologien nachdenken. Wer als Mitarbeiter aus Gewissensgründen nicht an Militärprojekten mitwirken wolle, dem stände es frei, in andere Abteilungen innerhalb Microsofts zu wechseln. Vor dem Hintergrund eines gerade zur Entscheidung stehenden acht Milliarden Dollar schweren Auftrags des amerikanischen Militärs für Software, bei dem Microsoft der führende Bewerber ist, geht es dabei deutlich nur um die Besänftigung der teuren Programmierer-Talente und nicht um eine Richtungsänderung. Anders als bei Google werden ein paar protestierende Mitarbeiter von der Westküste die langjährige Politik des Konzerns also wohl nicht umwerfen.

          Trend des Aufbegehrens?

          Doch es wirkt so, als hätten die protestierenden Microsoft-Angestellten ihre schon länger gehegten Gewissensbisse am Beispiel des Virtual-Reality-Headsets in Worte gefasst. Dass Mitarbeiter anderer großer Tech-Konzerne es ihnen bereits vorgemacht hatten, dürfte sie bestärkt haben. Vor allem die Google-Leute machten mit mehreren öffentlichen Protesten ihrem Unmut über den eigenen Arbeitgeber Luft.

          Nicht immer ging es dabei um Militärkooperationen. Aber dass ein Google-Team heimlich eine Air Force Base für Drohnen besucht, um einen Vertrag zur Zusammenarbeit vorzubereiten, wird dem Tech-Konzern so schnell nicht wieder passieren. Ob es aber schon ein Trend ist oder gar eine Änderung des Konzern-Verhaltens bewirkt, dass die Politik der Tech-Unternehmen von den stets von der Konkurrenz umworbenen Mitarbeitern kritisch hinterfragt und öffentlichkeitswirksam kommentiert wird, bleibt eine spannende Frage.

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