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Automatisierte Grenzkontrollen : Wollen Sie wirklich nur Urlaub machen?

  • -Aktualisiert am

Gesichtserkennungstechnologie auf einer Messe in China im Jahr 2017 Bild: Reuters

Die EU gibt eine Menge Geld für die fragwürdige Überwachungstechnologie iBorderCtrl aus. Der kontroverste Teil des Systems: ein Lügendetektor. Soll so unsere Zukunft aussehen?

          Die erste Maxime des modernen Sicherheitstaates ist es, seinen Subjekten möglichst wenig auf die Nerven zu gehen. Überwachung und Ausforschung muss möglichst unauffällig sein, möglichst harmlos daherkommen. Wenn jemand verspricht, die nervigen und zeitraubenden Prozeduren an Flughäfen und anderen Grenzen zu verkürzen, aber gleichzeitig die Reisenden noch gründlicher zu überprüfen, wird schon mal tief in die Tasche gegriffen.

          Willkommen zum iBorderCtrl-Projekt, das von der Europäischen Union im Rahmen des Forschungsprogramms „Horizon 2020“ mit satten viereinhalb Millionen Euro finanziert wird. Die Abkürzung steht für „Intelligent Portable Border Control System“, also ein intelligentes tragbares Grenzkontrollsystem, dessen Entwicklung noch bis Ende August 2019 gefördert wird. Federführend ist eine Luxemburger Firma namens European Dynamics, die in Ungarn, Griechenland und Lettland an den Grenzen Testsysteme erproben darf. Weiteres Partnerland ist neben Zypern, Großbritannien, Polen und Spanien aber auch Deutschland. In geringem Maße sind zudem deutsche Forscher beteiligt.

          Kriterien für Berechnung liegen im Dunkeln

          Was sich die iBorderCtrl-Macher vorstellen und umsetzen wollen, ist eine Art automatische Digitaldurchleuchtung in zwei Stufen. Zunächst auf freiwilliger Basis sollen sich Reisende registrieren und Daten zu ihren Pässen und Fahrzeugen hinterlegen. Dann werden sie von einem automatisierten virtuellen Kontrolleur interviewt, der am besten über das Smartphone ein paar Fragen stellt und dabei biometrische Daten einsammelt. Denn die Kamera des Geräts soll den Reisewilligen und seine Antworten dabei übertragen.

          Wenn Stimmdaten oder Gesichtsabdrücke und künftig vielleicht auch Iris-Scans gespeichert sind, berechnet die Software nebenher einen Wahrscheinlichkeitswert dazu, ob die Antworten auf das Kurzinterview der Wahrheit entsprechen könnten. Es soll also ein Lügendetektortest durchgeführt werden. Zuletzt schiebt man die erhobenen Daten noch durch alle möglichen verfügbaren Datenhalden zum Abgleich. Schon seit einigen Monaten laufen dazu in der EU parallele Vorbereitungen: Biometrische Daten, Reiseinformationen und Personendaten sollen künftig in einem durchsuchbaren „gemeinsamen Identitätsspeicher“ vorgehalten werden.

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          Steht der Freiwillige dann leibhaftig an der Grenze, wird Stufe zwei gezündet: Mit tragbaren vernetzten Scannern prüft man die Körperdaten, die Reisedokumente und etwaige Visa. Allerdings sollen dabei nicht alle Reisenden in gleicher Weise durchleuchtet werden. Wer nämlich vorher als Niedrigrisiko kalkuliert wurde, braucht nur eine kurze Evaluierung über sich ergehen zu lassen. Errechnet der Computer aber ein hohes Risiko, muss eine Detailprüfung erduldet werden. Man ahnt es schon: Die Kriterien für diese Berechnung liegen im Dunkeln.

          Still und leise beerdigt

          Viele Zahlen haben die iBorderCtrl-Verantwortlichen auch noch nicht vorzuweisen. Der kontroverseste Teil des Systems wurde erst an einer kleinen Menge Menschen ausprobiert: der Lügendetektor. Er soll mit Hilfe einer Software mit Künstlicher Intelligenz bisher 76 Prozent aller Lügen herausgefiltert haben. Man werde diese Zahl noch auf 85 Prozent hochtreiben können, versichern die Entwickler.

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