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Aus dem Maschinenraum : Nur eine Kette aus Blöcken

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Lange gefeiert: Der Brachenverband Bitkom hat in der Blockchain-Technologie große Zukunftschancen für die deutsche Wirtschaft gesehen. Bild: dpa

Gefeiert und tief gefallen: die Blockchain. Sie galt als die Technik, die der deutschen Wirtschaft große Zukunftschancen bringen sollte. Doch was ist aus ihr geworden?

          Es umgibt sie eine Art Mythos, der immer größer wird, je technikferner die Menschen sind, die ihre Hoffnungen in sie setzen: die Blockchain. Seit Jahren nun wabert diese Blockchain mit allerhand Heilsversprechen durch die Zeitungen und Startups, durch die Büros in der Wirtschaft und sogar durch politische Reden. Der Zenit des Hypes dürfte wohl überschritten sein, und alle warten gespannt, welche neue technische Sau als nächstes durchs Dorf getrieben wird.

          Blickt man mit nüchternen Augen aus dem Maschinenraum auf die Blockchain, so besteht sie aus solider Mathematik mit einem Schuss Informatik: Ihr Kern ist eine gut sortierte Datenreihe, deren Komponenten man Blöcke nennt. So erschließt sich auch der Name: eine Kette aus Blöcken. Die eigentliche Kette bildet sich dadurch, dass jeder Block direkt von seinem Vorgänger abhängt. Diese Abhängigkeit gründet sich auf mathematisch beweisbaren Berechnungen, die jeden Block innerhalb der Kette vor einer ungewollten Veränderung schützt.

          Das ist übrigens schon alles, vielmehr steckt auf den ersten Blick nicht hinter der sagenumwobenen Blockchain und ihren angeblichen Verheißungen. Angesichts des Bohei, der darum gemacht wird, stellt sich vielleicht eine gewisse Enttäuschung ein. Man kann sich aber noch fragen, ob sich in den Blöcken in ihrer bestimmten Reihenfolge etwas Spannendes findet. Die Antwort darauf fällt tatsächlich etwas weniger langweilig aus, denn alles Digitalisierbare kann darin als Transaktion gespeichert werden. So reiht sich dann eine dieser digitalen Transaktionen sicher an die nächste. Man könnte es ein digitales Notariat der Moderne nennen.

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          Ein regelrechter Hype entstand und viele wilde Geschäftsideen wurden binnen kurzer Zeit mit der Idee der Blockchain verbunden. Gleichzeitig verfiel man unter technisch Kompetenten zunehmend in Gelächter, sobald auch nur das Wort Blockchain fiel. Es wurde zum Synomym für Ideen, die vor allem den Marketingabteilungen entsprungen und an Entscheider – meist technische Laien – gerichtet waren. Zuviele solcher überbewerteter Begriffe sind in der Digitalwelt wohl schon als Allheilmittel gepriesen worden, als dass diejenigen, die das später in die technische Tat umsetzen sollen, schnell darauf hereinfallen. Seit die ersten mit dem einstigen Wunderwort verkauften Projektideen wieder beerdigt sind, legt sich die Aufregung allmählich, auch wenn es noch immer Veranstaltungen und neue Businesspläne gibt, die grell mit der Blockchain werben.

          Das alles wäre noch kein Grund für das übergroße Interesse, das sich seit Jahren um die Blockchain rankt. Ihren Höhenrausch und in gewisser Weise auch ihren Fall hat die Blockchain besonders einer Netzwährung zu verdanken, die ebenfalls lange Monate in aller Munde war, durch die Presse gejagt wurde und auf ebenjener Blockchain beruht: Bitcoin. Alle paar Minuten entsteht in dieser Kette bis heute ein neuer Bitcoin-Block, der in bares Geld eingetauscht werden kann. Allerdings ist ein Abstieg der Kryptowährungen zu verzeichnen, der mit einem Vertrauensverlust einhergeht: Digitalwährungen wie Bitcoin sowie fast alle Nachfolger haben ihre Attraktivität eingebüßt, die Umtauschkurse sind drastisch gefallen.

          Keine zentrale Koordination nötig

          Was aber viele technisch Interessierte dennoch an dem Konzept reizt, geht über eine bloße vertrauenswürdige Protokollierung natürlich hinaus. Denn das Blockchain-Versprechen greift weiter: Nicht nur liegen die Transaktionen manipulationssicher vor, sie kommen auch ohne zentrale Koordination aus. Es muss also keine Zentrale geben, die alles absichert und steuert.

          Dass diese dezentrale Idee so attraktiv wurde, erklärt sich vor dem Hintergrund der Finanzkrise 2008, die den Banken als zentrale Instanzen einen massiven Vertrauensverlust einbrachte. Da liegt der Gedanke nah, sie mit neuen technischen Mitteln zu umgehen oder die Banken und ihre Zocker gleich ganz loszuwerden. Die Dezentralität und damit auch das Stellen der Machtfrage war die eigentlich neue Idee hinter der besonders mit Bitcoin verbundenen Blockchain.

          Technisch gesehen können viele vernetzte Rechner gleichzeitig ein mathematisches Puzzle lösen, um den nächsten Block zu erzeugen. Wer das zuerst schafft, hat einen neuen Block, also quasi Geschichte geschrieben. Und weil das in der Theorie immer ein anderer Rechner schafft, also nie der gleiche, wird man das Machtzentrum los.

          Am praktischen Beispiel von Bitcoin konnte man allerdings lernen, wie Theorie und Realität auseinanderfallen. Denn größere, leistungsstärkere Computer können natürlich schneller rechnen. Und obwohl bei Bitcoin theoretisch und auch faktisch alle mitmachen können, verliert doch stets der private Laptop mit kleinem Prozessor gegen den Hochleistungscomputer.

          Geschichte wird also von denjenigen geschrieben, die es sich leisten können. Es mag zwar kein vorab definiertes steuerndes Zentrum geben, dennoch gewinnt der Stärkere. Dass also beim Beispiel Bitcoin keine regulierende Instanz wie eine Bank eingreift und theoretisch eine konsequente Gleichbehandlung definiert ist, macht noch längst nicht alle Teilnehmer gleichmächtig. Von der Idee der technisch neutral vermittelten Transaktionen ist faktisch nichts mehr übrig.

          Den Hype um Blockchain befeuerte letztlich ein nachvollziehbarer Wunsch, nämlich Vertrauen und Aushandlung rein technisch abzubilden und dadurch loszuwerden – indem man es durch ein Vertrauen in mathematische Beweise ersetzt. Die Machtfrage wird damit offensichtlich jedoch nicht gelöst, sondern nur verschoben. Letztlich wird sie sogar in dem vormodernen Zustand des Rechts des Stärkeren zementiert.

          Offensichtlich scheiterte die Blockchain im Falle von Bitcoin an der selbstgestellten Aufgabe, Machtzentren und damit Angriffspunkte zu verhindern. Aber vom Mythos der Blockchain bleibt nicht viel übrig, wenn außer ein paar Pilotprojekten und vielen Werbebroschüren von den eigentlichen Ideen keine in eine disruptive oder wenigstens nützliche Praxis überführt werden kann. Es ist also Zeit, zu neuen Ideen aufzubrechen.

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