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Debatte über „Varoufake“ : Als die Bilder lügen lernten

  • -Aktualisiert am

Einmal medialer Schleudergang mit Stinkefinger bitte. Die Debatte zeigt, wie manipulativ und zweifelhaft Bilder sind. Bild: dpa

Der Fall „Varoufake“ hat gelehrt, wie leicht auch Bewegtbilder heute manipuliert werden können. Welche adäquaten Mittel haben die Medien zur Hand, um die Richtigkeit von Videos zu prüfen?

          Das Aufreger-Thema der letzten Tage wird langsam zu den Akten gelegt: die Günther-Jauch-Sendung und der Böhmermann-Coup. Lange hielt die satirische Scharade um das retuschierte „Stinkefinger“-Video nicht. Noch in derselben Nacht, in der Jan Böhmermann seinen Medien-Stunt losgetreten hatte, erschienen Videoanalysen, die Stück für Stück die Indizien zusammentrugen, die zeigten, warum das Originalvideo dasjenige mit der umstrittenen Geste sein musste.

          Dass Fotos manipulierbar sind und auch tatsächlich manipuliert werden, daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Das Gros der Bilder, die uns täglich umgeben, ist auf irgendeine Weise subtil angepasst, optimiert oder farblich ergänzt worden. Was früher in der Dunkelkammer viel Zeit und Nerven kostete, ist heute nur zwei Klicks entfernt und oft bereits bequem vorkonfiguriert. Selbst ehrwürdige Veranstaltungen wie der seit 1955 vergebene Preis für Fotojournalisten von „World Press Photo“ sind nun regelmäßig davon geplagt, dass eingesandte Bilder mit digitalen Mitteln umgebaut, hingebogen, verfälscht, sogar vollständig artifiziell zusammengesetzt wurden.

          Was unsere Augen zu sehen glauben

          Nicht, dass es nicht regelmäßig zu Skandalen um Fotografen und Reporter käme. Plakative Aufnahmen aus Konfliktgebieten werden routinemäßig inszeniert, meist aus Gründen der Risikominimierung, aber auch, weil es schwer ist, unter Beschuss zu arbeiten und dabei auch noch preiswürdiges Foto- oder Videomaterial zu produzieren. Die immergleichen Sequenzen, bei denen Bewaffnete auf eine Kreuzung hechten, um dann nach rechts oder links auf einen für die Kamera unsichtbaren Feind zu feuern, gehören zur etablierten Ikonographie der Konfliktberichterstattung. Ist das schon Manipulation oder realistische Abwägung zwischen dem eigenen Überleben und der Gier der Öffentlichkeit nach Bebilderung? Und wie lange dauert es noch, bis selbst diese Inszenierung nicht mehr nötig ist, weil sie ohne Qualitätsverlust billiger aus dem Computer kommen kann?

          Eigentlich wissen wir auch schon lange, dass nicht nur Fotos, sondern auch Videos in überzeugender, mit bloßem Auge kaum zu entdeckender Qualität digital manipuliert werden können. Jeder Werbe-Clip ist heute digital bearbeitet oder kommt fast vollständig aus dem Computer - die Kameras werden nur noch benutzt, um Rohmaterial für die Animateure zu produzieren. Fliegende Salatblätter, die knackig-frisch schwebend von cremig-glänzender Salatsoße besprenkelt werden, lassen sich nunmal schneller und billiger animieren als real verfilmen.

          Praktisch jeder Big-Budget-Kinofilm der letzten Jahre enthält reichlich computeranimierte Szenen, bis hin zu ganzen Sequenzen, bei denen die Schauspieler nur noch vor dem Green-Screen agieren, um ihre Körperbewegungen und Gesichter möglichst sauber und störungsfrei erfassen zu lassen. Egal, ob brennende Autowracks durch die Gegend fliegen oder Benedikt Cumberbatch seine Mimik einem Drachen leiht - was unsere Augen zu sehen glauben, ist zunehmend rein virtuell.

          Quelle: Internet

          Das Neue an der im Netz schnell „Varoufake“ getauften Diskussion um die von Jauch aus dem Kontext gerissene illustrative Geste des heutigen griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis in einem Jahre alten Vortragsvideo war die sofort aufflammende Diskussion, ob und woran man die Echtheit des Videos beurteilen könne. Allerhand Experten gaben ihre Ansichten zum Besten, nicht immer mit allzu großer Sachkenntnis der Materie.

          Der eigentliche Schauder, den Böhmermanns Satire-Aktion auslöste, rührt jedoch von folgenden Fragen her: War die Redaktion einer zum Mainstream-Diskursinventar der Republik gehörenden Sendung wirklich auf einen Fake aus der „Quelle: Internet“ hereingefallen? Wurde hier demonstriert, dass der vielzitierte Qualitätsjournalismus auch nicht viel mehr ist, als ein kaum verbrämtes Übernehmen ungeprüfter Inhalte aus den Untiefen des digitalen Raums? Verfügt die ARD über die Expertise, die nötig ist, ein derart retuschiertes Video zuverlässig zu erkennen? Ist das eigentlich noch möglich, wenn die Urheber nicht eine Satire-Redaktion, sondern motivierte Profis mit Erfahrung, Zeit und den richtigen Werkzeugen gewesen wären?

          Manipulationsmaschine oder Medium des Vertrauens?

          Die unbequeme Antwort lautet: Auch wenn es dieses Mal nur ein satirischer Angriff auf die journalistisch fragwürdige Aufbauschung eines alten Statements von Varoufakis war, ist allen im Medienbetrieb vor Augen geführt worden, auf wie dünnem Eis sie andauernd schlittern. Obwohl es seit ein paar Jahren üblich geworden ist, filmisches Material aus der „Quelle: Internet“ zu verwenden, sind die eigentlichen Methoden zur Bewertung der Echtheit des Bewegtmaterials kaum verändert worden. Im hektischen Redaktionsalltag läuft es primär auf ein mehr oder minder gutes Bauchgefühl bezüglich der angeblichen Quelle hinaus und vielleicht noch auf den halbherzigen Versuch, den Urheber zu recherchieren, meist noch dekoriert mit einem versteckten Vermerk über die nicht verifizierbare Herkunft des Materials. Eine aufwendige technische Prüfung ist oft kaum möglich. Nicht jeder Manipulateur macht es einer Redaktion so leicht, Original und Fälschung zum Vergleich abzuliefern.

          „Varoufake“ sollte den Journalisten in den Redaktionen und uns als Zuschauern eine Lehre sein. Unser Gottvertrauen in die Wahrhaftigkeit bewegter Bilder sollte uns genauso vergehen, wie das bei Fotos bereits geschehen ist. Denn die technischen Möglichkeiten bei der Bewegtbildmanipulation werden in Zukunft in ähnlichen Bahnen verlaufen, wie die vergangenen Kontroversen um retuschierte Fotografien es bereits vorgezeichnet haben.

          Zwangsläufig erhöht sich damit die Anfälligkeit der Medien für Manipulation, die sie oft genug noch selbst befördern. Zugleich schrumpft die Basis für Vertrauen in die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung. Die Varoufakis-Böhmermann-Story wird hoffentlich zu einer Sensibilisierung von Redaktionen und Zuschauern führen. Die Frage bleibt allerdings, wie lange nach dem „Varoufake“-Schreck Vorsicht und Aufmerksamkeit anhalten werden.

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