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Biometrische Erkennung 2.0 : Zeig mir, wer du bist und wie es dir geht

  • -Aktualisiert am

Über die Analyse der Pupille will die Firma Tobii den Gemütszustand und die Aufmerksamkeit des Nutzers herausfinden: biometrischer Iris-Scan Bild: picture alliance / Science Photo

Als Sicherheitstechnologie wird Biometrie penetrant beworben. Doch unsere Merkmale und Körperfunktionen können problemlos und ohne hohe Kosten permanent erfasst werden. Ihre Analyse wird längst weitergedacht.

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          Es ist jetzt fast vier Jahre her, seit sich Apple auf Einkaufstour begab und den schwedischen Softwareanbieter Polar Rose übernahm. Dessen Spezialität waren verschiedene Produkte zur biometrischen Erkennung von Gesichtern. Wie immer gab es keinerlei Kommentar von Apple zu Zielen oder Strategien beim Einsatz von Körpervermessungstechnologien. Aber dass die Anwendung in Lifestyle-Produkten den Biometriemarkt befeuern würde, stand außer Zweifel.

          Schon seit dem Beschluss des europäischen Rates der Justiz- und Innenminister im Jahr 2004, biometrische Merkmale in Pässen europaweit verpflichtend zu machen, war die Biometrieindustrie in merklichem Aufwind. Denn nicht nur in Europa sollte die Fingerabdruckpflicht Gesetz werden, sondern auch weltweit kauften staatliche Stellen Gesichts- und Fingerabdrucksysteme für viele Millionen Euro. In Deutschland war zur selben Zeit auch der Einsatz der als Sicherheitstechnik vermarkteten Biometrie in den grade erst konzeptuell entworfenen neuen digitalen Personalausweisen bereits beschlossene Sache. Anders als bei der denkwürdigen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zur Vorratsdatenspeicherung sah das Gericht im letzten Jahr keine gravierenden Einwände gegen die anlasslose staatliche Erhebung biometrischer Fingerabdrücke europaweit. Im Koalitionsvertrag hat man sich vorgenommen, weitere Millionen in die Biometrie zu investieren.

          Messmethoden und -sensoren für den Lifestyle-Markt

          Unterstützen wollen die Koalitionäre das europäische „Ein- und Ausreiseregister“, das die biometrische Vorratsdatenspeicherung für mindestens sechs Monate alle zehn Fingerabdrücke jedes Menschen beinhaltet, der in den Schengenraum einreist und kein Einwohner ist. Kaum mehr erschreckend ist dabei, dass wie selbstverständlich auch Strafverfolger und Geheimdienste Zugriff bekommen sollen. Und nebenbei hat Hans-Peter Uhl (CSU) gleich noch angeregt, in Deutschland die zwangsweise Abgabe der Fingerabdrücke auch für Personalausweise einzuführen. So ebnet die Politik den Weg für den geläufigen Umgang mit der biometrischen Vermessung und dient der Biometrieindustrie zugleich als Finanzier und Aushängeschild für das Sicherheitsversprechen, mit dem die Erkennungssysteme beworben werden.

          Als Apple 2010 Polar Rose kaufte, nahm die Integration der Biometrieanwendungen in den Konsumentenmarkt Fahrt auf. Es gab bereits Fotosoftware für Rechner und Mobiltelefone, die weitgehend fehlerfrei Gesichter in Bildern erkannte, aber die neuen biometrischen Funktionen sollten vor allem eines können: nicht nur Gesichter erkennen, sondern sie vermessen und dadurch wiedererkennen. Hinzu traten erste nichtmedizinische Geräte zur Körperanalyse, die den Lifestyle-Markt mit neuen Messmethoden und -sensoren eroberten.

          Ganz neuer Zwang zu gleichbleibender Fitness

          Doch erst Apples iPhone mit dem Fingerabdrucksensor zum Entsperren wurde im Herbst 2013 als Durchbruch bei der alltäglichen Biometrieanwendung gefeiert - allerdings nur kurz. Statt dauernd die Zahlenkombination eingeben zu müssen, versprach der Einsatz der Biometrie das einfache Auflegen des Fingers des Besitzers. Es erwies sich jedoch als ebenso einfach, den Mechanismus mit einer simplen Attrappe zu übertölpeln, wie schon kurz nach dem Verkaufsstart vorgeführt werden konnte.

          Es geht auch bei der technologischen Nutzung der Körpermerkmale wieder um das Verhältnis von Nutzen und Risiken, um das Zweckentfremden der biometrischen Daten und um Fragen der Privatsphäre, die sich mit körperlichen Merkmalen unweigerlich verbinden. Doch auf der Consumer Electronics Show (CES) dieses Jahr wurde trotz der international berichteten Überwindung des iPhone-Fingerabdrucksensors penetrant mit Biometrie als Sicherheitstechnologie geworben, sei es Fingerabdruck, Stimmerkennung oder die Erkennung von Handabdrücken oder Gesichtern. Das Ende aller Passwörter sei nahe und der Siegeszug der Körpervermessung stattdessen gewiss, das war die Botschaft. Der neuerdings gefürchtete weltbeste Werbeoptimierer, der auf dem „Datenschatz der Menschheit wie der Riese Fafner“ (Döpfner) sitzt, aber auch Unternehmen wie Amazon nutzen die biometrischen Möglichkeiten auf andere Weise. Denn Firmen wie beispielsweise Tobii zeigten auf der CES „Eye-tracking Software“, die nicht nur genau nachvollzieht, wohin ein Nutzer auf dem Display blickt, sondern zugleich den Gemütszustand und die Aufmerksamkeit des Nutzers über die Analyse der Pupillen herausfindet.

          Die Analyse von Körpermerkmalen wird längst weitergedacht, da physiologische Charakteristiken von Menschen nun problemlos und ohne hohe Kosten permanent erfasst werden können. Besonders praktisch sind dafür die Mobiltelefone, nicht nur, weil man sie üblicherweise immer dabei hat, sondern auch, weil die nötige Sensorik teilweise bereits eingebaut ist. Dabei geht es dann nicht mehr nur um Fingerabdrücke, sondern um Gangeigenheiten, Sprachmuster, Herzschlagrhythmen, typische Atembewegungen oder andere Bewegungsmuster und Körperanalysen, die zwischen Menschen messbare Unterscheidungen erlauben. Vermarktet werden solche Produkte vor allem über Diebstahlsicherungen, etwa in Autos oder eben bei Mobiltelefonen. Da hat man als Nutzer einen ganz neuen Zwang zur gleichbleibenden Fitness und zur Vermeidung von Krankheiten, wenn man sonst befürchten muss, dass das eigene Auto oder das Smartphone einen nicht mehr erkennt.

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