https://www.faz.net/-gqz-7rzd0

Ausspähen des Surfverhaltens : Hase und Igel laufen im Netz um die Wette

  • -Aktualisiert am

Wie selbstverständlich ist es nun Teil der Berichterstattung, wie man das ungewünschte Verfolgen wieder loswird. Von einfachen technischen Hinweisen bis zu ausgefeilten Erklärungen und Expertenmethoden, die einiges an Vorwissen voraussetzen, lieferten die Artikel die Ausweichmethoden gleich mit – wohlwissend, dass viele der berichterstattenden Medien damit auch der Deaktivierung der eigenen Werbe-Tracking-Mechanismen Vorschub leisten.

Die nun ans Licht der Öffentlichkeit gezerrte Firma AddThis, die das Canvas Fingerprinting gerade ausprobiert, beeilte sich denn auch, das Ende des Tests anzukündigen. Der Branchenriese, der auf dem amerikanischen Markt mehr als neunzig Prozent aller Nutzer erreicht, betont nun, die so erlangten Daten nicht zu verwenden. Am schnellsten reagierte übrigens ein Kunde, der für viele wohl der Inbegriff für höchst private Internetnutzung ist: Youporn hat die Zusammenarbeit mit AddThis noch am Tag der Berichterstattung beendet.

Warten auf des Europäische Parlament

Allerdings dürfte AddThis nicht die einzige Firma sein, die solche Methoden verwendet. Denn nach der Veröffentlichung machten sich mehrere Forscher auf eine strukturierte Suche danach, wie häufig diese Form des Nutzer-Trackings bereits beim alltäglichen Surfen untergeschoben wird. Unter den ein hunderttausend international am meisten angeklickten Websites fanden sich immerhin mehr als fünftausend, die sich des Canvas Fingerprintings bedienten. Nicht alle jedoch lieferten die Informationen an AddThis zurück.

Der Canvas-Tracker könnte einen Wendepunkt in der öffentlichen Diskussion um die Privatsphäre im Internet markieren. Die Nutzer sind offenbar immer weniger bereit, ausgeforscht und verfolgt zu werden von einer Online-Werbeindustrie, die zunehmend Probleme hat, ihre Versprechen zur angeblichen Effizienz der Werbemaßnahmen einerseits und andererseits der Harmlosigkeit gezielter Werbung einzulösen. Denn die massenweise Verbreitung von Werbeblockern und Cookie-Enttarnern wie der beliebten Browser-Erweiterung Ghostery ist kein Zufall.

Dass die Online-Medien lauthals darüber jammern, dass Adblocker ihre Umsätze schmälern, hat vor allem einen Grund: Die werbefinanzierten Geschäftsmodelle haben den Bogen überspannt. Wozu soll man auch etwa die Online-Ausgabe einer Wochenzeitung besuchen, wenn man den eigentlichen Inhalt vor lauter Werbeeinblendungen kaum noch erkennen kann und obendrein auch noch fünf Dutzend Verfolger-Cookies aller Art in den Browser gesteckt bekommt?

Die Nutzer können mit den Füßen abstimmen und technisch aufrüsten. Zu versuchen, dem durch verstohlene und noch trickreichere Methoden der Verfolgung und Werbeunterjubelung zu begegnen, wäre nur eine weitere Runde in diesem technischen Wettrüsten um die Online-Privatsphäre, die weder verlorenes Nutzervertrauen zurückgewinnt noch Werbeerlöse magisch steigert. Die spannende Frage ist, ob dem neuen Europäischen Parlament zuzutrauen ist, die heimliche Nutzerverfolgung im Netz schlicht zu untersagen.

Weitere Themen

Der Joker Hollywoods

Martin Sheen zum Achtzigsten : Der Joker Hollywoods

James Dean und der Kriegsfilmklassiker „Apokalypse Now“ machten ihn berühmt. Das Fernsehen hat keinen besseren amerikanischen Präsidenten hervorgebracht als ihn. Martin Sheen zum Achtzigsten.

Topmeldungen

Corona-Tourismus auf Mallorca : Heimweh nach der Insel

Mallorca ist zum touristischen Testlabor für den Umgang mit der Corona-Pandemie geworden. Vor allem die ausbleibenden Besucher aus Deutschland und Großbritannien bringen die Insel und ihre Bewohner in große Not. Ein Besuch.

EZB-Urteil : Weidmann sieht Forderungen des Verfassungsgerichts als erfüllt an

Das Bundesverfassungsgericht hat moniert, die EZB müsse die Verhältnismäßigkeit ihrer Anleihekäufe darlegen, andernfalls dürfe die Bundesbank sich nicht mehr daran beteiligen. Kurz vor Ablauf des Ultimatums gibt es nun „grünes Licht“ von der Bundesbank.
Ehrenpräsident des FC Bayern: Uli Hoeneß

Uli Hoeneß im Interview : „Fußball wird sich verrückt verändern“

Im F.A.Z.-Interview erklärt Uli Hoeneß, was er anders als Borussia Dortmund machen würde, dass der FC Bayern keinen Großeinkauf mehr in diesem Jahr wagen wird und warum er einst Maradona nach München holen wollte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.