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Aus dem Maschinenraum : Der kurze Weg der Zukunftstechnologie

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Böses Geschenk aus der Vergangenheit: Mit unseren radioaktiven Giftfässern werden sich die nächsten dreißigtausend Generationen beschäftigen müssen. Bild: ASSOCIATED PRESS

Die Politik wollte angesichts der Atomkatastrophe in Japan Handlungsfähigkeit demonstrieren. Aber über das ungelöste Problem Endlagerung und die mangelhafte Katastrophenvorsorge wird bei uns noch immer zu wenig gesprochen.

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          Als sich der Tschernobyl-GAU ereignete, war ich noch ein Kind - zudem eines in der DDR, worum die radioaktive Wolke bekanntermaßen einen großen politischen Bogen machte. Der Streit um die industrielle Nutzung der Kernkraft wird in Deutschland seitdem erbittert ausgetragen. Die Bundeskanzlerin betont stets die Sicherheit der atomaren Anlagen, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit hätten ich sowie einige nachfolgende Generationen keinen weiteren GAU erleben sollen.

          Doch eines Morgens war es so weit. Plötzlich werden wir wieder mit dem konfrontiert, was im Maschinenraum der Wohlstandsgesellschaft schiefgehen kann. Der Weg von der „Zukunftstechnologie“ über die „Brückentechnologie“ zur Katastrophentechnologie war kurz.

          Katastrophales Versagen

          Das Erdbeben in Japan offenbart die Verwundbarkeit der Technologien, auf denen unser Lebensstil und unser Wohlstand beruht, jenseits der Bedrohungen durch Sabotage oder menschliche Unzulänglichkeiten. Die Frage der Beherrschbarkeit der Technik stellt sich nun wieder mit voller Wucht. Dass sich Unfälle, Katastrophen oder unvorhergesehene Komplikationen ereignen, ist nicht zu verhindern. Dennoch wird die Nutzung riskanter Technik als „vertretbar“ angesehen, die Folgen gelten als „erträglich“, weil katastrophales Versagen selten vorkommt und meist nur lokale Auswirkungen hat.

          Risikovorsorge, eingebaute technische Schutzmechanismen und Katastrophentraining, um im Ernstfall ohne erhebliche schädliche Nebenwirkungen davonzukommen, sind nicht nur in Japan üblich. Es gibt aber offensichtlich eine Technologie, bei der die Annahme der hinreichenden Beherrschbarkeit nicht gilt, deren katastrophales Versagen ganze Regionen unbewohnbar macht und bei der keine Vorsorge ausreicht: die Atomenergie.

          Ein steuerbegünstigtes Milliardengrab

          Die ehemalige Zukunftstechnologie ist in die Jahre gekommen, die Reaktoren sind nicht selten älter als das Bedienpersonal. Doch machen wir uns nichts vor: Aus einem vierzig Jahre alten Auto würde auch durch Nachrüstung von ABS, ESP, elektrisch verstellbaren Außenspiegeln und Sicherheitsgurten kein spritsparendes, umweltverträgliches und sicheres Fahrzeug. In der Atomenergietechnik indes ist ein solches Verfahren allgemein akzeptierter Standard.

          Wie sehr das unveränderliche Basis-Design eines Reaktors die grundlegenden Sicherheitseigenschaften bestimmt, hat der GAU in Fukushima nachdrücklich gezeigt. Die Idee, man müsse neue Reaktoren mit vorgeblich „inhärent sicheren“ Bauprinzipien bauen, ist spätestens 1989 mit der Stilllegung des kommerziell betriebenen Thorium-Hochtemperatur-Reaktors THTR-3000 in Hamm gestorben. Dieser Versuch machte deutlich, dass die nukleare Technik sich der Beherrschung durch den Menschen entzieht. Nebenbei entstand ein steuerbegünstigtes Milliardengrab.

          Am Atomstrom erlahmt

          Ungern wird über das eigentlich Unbeherrschbare gesprochen: Atommüll, der zu Tausenden Tonnen anfällt und für den es bisher nicht einmal die versprochenen unterirdischen Höhlen gibt, in denen wir das Problem unseren fernen Nachfahren überlassen möchten. Auch in Deutschland lagern die Brennstäbe vielerorts in Wasserbecken über antiken Reaktoren.

          Keine andere Technologie muss Fragen für derartig lange Zeiträume beantworten. Für wenige Jahrzehnte relativer Energiesicherheit hinterlassen wir den nächsten dreißigtausend Generationen radioaktive Giftfässer als Geschenk aus der Vergangenheit. Und schon das im Vergleich zu einer echten Endlagerung simple technische Problem, aus der Asse den dort angehäuften, nicht ganz so schlimm strahlenden Müll wegen unzumutbarer Zustände wieder herauszuholen, überfordert die Beteiligten. Die technischen Realitäten kollidieren mit wirtschaftlichem und militärischem Wunschdenken, das seit Anfang des Atomzeitalters das Tempo vorgibt. Doch die Verselbständigung der imaginierten Machbarkeiten hat zumindest vorläufig ein Ende gefunden. Der Fortschrittsoptimismus ist am Atomstrom erlahmt.

          Absichtliche Super-GAUs

          Deutschland wäre mit einer Katastrophe solchen Ausmaßes wohl vollständig überfordert. Denn mit der Verlängerung der Laufzeiten gingen nicht etwa verbesserte Konzepte für technische Notfälle aller Art einher, im Gegenteil: Katastrophenschutz wird mehr und mehr auf den Rücken der freiwilligen Feuerwehr abgewälzt - oft genug mit unzureichender Ausbildung, mangelnder Ausrüstung und notdürftigster Bevorratung von Notfallhilfe-Mitteln. Wenn lange nichts passiert, kann man sich doch auch diese lästigen Ausgaben sparen, scheint das Motto.

          Können wir Technologie überleben? Diese Frage stellte sich erstmals in den Fünfzigern. Formuliert wurde sie von John von Neumann, einem der Väter der Atombombe. Wir haben erst Jahrzehnte später - bis auf weiteres - aufgehört, Super-GAUs in Form vom Atombombentests absichtlich zu produzieren. Der nächste Schritt sollte wohl sein, nicht länger ein GAU-Risiko in Kauf zu nehmen, damit die Stromkonzerne weiter obszöne Gewinne einfahren können.

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