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Aus dem Maschinenraum : Der Hacker

  • -Aktualisiert am

Constanze Kurz Bild: Kay Herschelmann

Vom Außenseiter zur Integrationsfigur: Der Hacker hat die Verantwortung, die technischen Systeme durchsichtig zu machen, die unseren Alltag beherrschen. Teil eins unserer neuen Kolumne, in der die Informatikerin Constanze Kurz Klarheit in unsere undurchschaubare technische Lebenswelt bringt.

          In dieser Kolumne „Aus dem Maschinenraum“, die künftig alle zwei Wochen erscheinen wird, beschäftigt sich die Informatikerin Constanze Kurz mit unserem Schicksal, das bestimmt sein wird von Technologien und Digitalisierung, dem Umgang mit Daten und Informationen, der unsere Gegenwart prägt. Technologieentwicklung und -einsatz werden ja oft genug nicht von Sachgründen getrieben, sondern von pekuniären Motivationen, begleitet von Lobbygruppen und undurchsichtigen Partikularinteressen. Und was wird da nicht alles vor und während jedes Gesetzgebungsverfahrens über die geplante Technik kolportiert: zweifelsfreier Nutzen; Segensversprechen; Nebenwirkungsfreiheit. Hacker, mit ihrer unbändigen Neugier und dem Drang, etwas verstehen zu wollen und unbequeme Nachfragen nach allen Implikationen zu stellen, können hier eine wichtige neue Rolle spielen. Sie übersetzen technische Sachverhalte in allgemeinverständlichere Sprache: Das Wesentliche eines technischen Systems wird sichtbar. Das Verstehen, was die technischen, aber auch die wirtschaftlichen Hintergründe sind, wird gesellschaftlich immer wichtiger, für den Gesetzgeber selbst, besonders aber für die Betroffenen. Naive Technikgläubigkeit erweist sich als ebenso schädlich wie eine Netzphobie. Es bedarf eines realistischen Blicks auf das technologische Ganze.

          Es umgibt sie ein gewisser Mythos, aber auch Dutzende Klischees: Hacker. Als gesichert kann nur gelten, dass es sie tatsächlich gibt. Ich habe bereits lebende Exemplare getroffen, mein halber Freundeskreis besteht aus ihnen, mein Chef ist ein Hacker ehrenhalber. Eine Definition des Begriffs findet sich im „Hacker Dictionary“: Ein Hacker sei „eine Person, die Spaß daran hat, die Feinheiten programmierbarer Systeme zu erforschen und ihre Möglichkeiten auszureizen“. Das trifft die Essenz des Hackens aber nur bedingt, denn neben Neugier und wachsender Erfahrung gehören eine typische Geisteshaltung und eine gesunde Portion Skepsis dazu: Glaube nie den Beteuerungen des Marketing-Droiden über das System.

          Es gibt Menschen, die haben eine Schwäche für technische Systeme. Das Entwickeln, das Verändern, das Verstehen und zuweilen das Manipulieren dieser Artefakte weckt ihre Neugier und ist ihnen eine wahre Leidenschaft wie für andere Trüffelschokolade. Komplexität schreckt dabei nicht ab, sondern weckt den Ehrgeiz erst recht. Aber wie bei Schokolade zu viel des Guten zu Bauchweh führen kann, ist auch Hacken nicht selten Obsession, zumindest zeitweise. Tagelanges Vergraben in schlecht belüfteten Räumen ist mehr als nur ein Klischee, denn neben unbändiger Neugier ist es die geradezu unheimliche Geduld beim Ausprobieren und Forschen, die den wahren Hacker auszeichnet.

          Vom Magier zum Schmuddelkind

          In die Anfangszeit der Hacker gehören berühmt gewordene Wegbereiter wie Steven Wozniak und Steve Jobs, beide Mitbegründer von Apple, deren Können sie zu Multimillionären machte. Wozniak und Jobs, so will es die Legende, finanzierten ihre Heimcomputerfirma zu Beginn durch den Verkauf von sogenannten Blue Boxes, kleinen Signalgebern, die durch geschickt gewählte Tonfolgen das alte Telefonnetz austricksten, um umsonst telefonieren zu können. Blue Boxes waren ein Volkssport in dieser Zeit – nicht ganz legal, aber innovativ. Als der Begriff des Computer-Hackers erfunden wurde, Ende der fünfziger Jahre, hatte er keine negative oder destruktive Konnotation. Im Gegenteil: Ein genialer Hack bedeutete, besonders kreativ zu sein, andere mit seinen Ideen zu inspirieren, Grenzen zu finden und zu erweitern. Es hieß auch, Wissen zu teilen und gemeinsam an technischen Systemen zu forschen. Hacken bedeutet also, Technik in unerwarteter, neuer Weise zu verwenden, die vom Erbauer nicht unbedingt intendiert war. Es geht darum, die Fähigkeiten eines Computers bis ins Allerletzte auszureizen, aber auch Sperren zu umgehen, die eine solche Nutzung verhindern. Das war und ist das angestrebte Ziel.

          Es sollte mehr als zwei Dekaden dauern, bis der Begriff Hacker durch skandalisierte Medienberichte eine unehrenhafte Bedeutung bekam. Aufsehenerregende Hacks lieferten den Stoff für halbseidene Geschichten um virtuelle Einbrüche, oft genug kaum durch Fakten getrübt. Das zweifelhafte Medienbild des Hackers war auch dadurch geprägt, dass Technologien von vornherein als undurchschaubar und manchmal gefährlich erachtet wurden. Aus den Magiern und Abenteurern wurden in der öffentlichen Wahrnehmung, insbesondere auf der anderen Seite des Atlantiks, Raubritter der Netze, bestenfalls Halbkriminelle und Schmuddelkinder.

          Heiliger Sportsgeist

          Doch der Ruf der Hacker hat sich in den letzten Jahren in Deutschland gewandelt. Der Sachverstand ist gefragt, die geistige Unabhängigkeit dabei eine willkommene Beigabe. Die früheren Außenseiter sprechen nun vor dem Bundesverfassungsgericht, in den Ausschüssen der Parlamente und auf Diskussionspodien, schreiben Kolumnen. Nachdem der digitale Alltag Einzug gehalten hat und viele politische Entscheidungen eine Umsetzung in technische Systeme implizieren, finden die früher belächelten Technikfreaks eine neue Rolle in der Gesellschaft. Unbestechliche technische Kompetenz ist hier mit einem über Jahrzehnte geschärften Drang nach individueller Freiheit und ausgeprägtem Misstrauen gegenüber Institutionen und Hierarchien kombiniert. Angesichts einer Welt, in der Lobbyinteressen, Kompromisse und taktischer Umgang mit der Wahrheit der Normalzustand sind, ist der unverstellte Blick auf die technischen Realitäten und ihre politische Einordnung nötiger denn je.

          Hacker sind oft Perfektionisten. Fast alle, die ich kenne – mich selbst eingeschlossen –, zeigen außerdem diese Charaktereigenschaft: Sie wollen und können sich nicht damit zufriedengeben, dass ein technisches System aus Gründen eines abstrakten Geschäftsmodells beschränkt oder kastriert wird. Derlei Ineffizienz erregt den heiligen Sportsgeist, der oft genug dazu führt, dass technische Hindernisse obsolet gemacht werden. Nach einer Weile stellt sich die Erkenntnis ein, dass fast jedes System von seinen künstlichen Fesseln befreit und fast jede Sicherheitsmaßnahme umgangen werden kann, wenn nur genug Zeit, Energie und manchmal auch Geld für Werkzeuge und Hardware in das Problem fließen. Marketing-Gefasel stört nur, es geht um Dokumentation des Gefundenen und präzise Details. Diese einzigartige Perspektive auf die technische Welt ist es, die zur besonderen Rolle der Hacker im Digitalzeitalter führt.

          Das intime Verständnis aller Kleinigkeiten und Details von Technologien, die vielleicht neue Wege, neue Möglichkeiten eröffnen, schafft Einsichten. Dass Wissen Verantwortung bedeutet, wird jedem Hacker klar, sobald er zum ersten Mal eine echte technische Grenze überschreitet und zuvor verborgene Daten offenlegt, ein System bis in die letzten Feinheiten durchschaut. Nun kommt dazu noch die Verantwortung, mehr über die technischen Systeme herauszufinden, die unseren Alltag immer weitgehender beherrschen. Denn Technik hat politische Implikationen, sie müssen klar benannt werden. Den Mund zu halten und einfach weiterzufrickeln ist keine Option mehr.

          Constanze Kurz wurde 1974 in Ost-Berlin geboren und ist Informatikerin. Sie forscht und lehrt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl „Informatik in Bildung und Gesellschaft“. Derzeit schreibt sie an ihrer Dissertation über Wahlcomputer und forscht zu Themen wie Ethik in der Informatik, Datenschutz, Biometrie und technisierte Überwachung. Sie ist technische Sachverständige beim Bundesverfassungsgericht anlässlich des Beschwerdeverfahrens gegen die Vorratsdatenspeicherung und Herausgeberin und Autorin von „1984.exe - Gesellschaftliche, politische und juristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien“ und „Gewissensbisse - Ethische Probleme der Informatik“. Ehrenamtlich ist sie die Sprecherin des Chaos Computer Clubs.

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