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Architektur des Internets : Ist da noch Wasser unterm Kiel?

  • -Aktualisiert am

Anbau auf schwankendem Fundament: die Gesamtarchitektur des Internets wird zunehmend zum Problem Bild: dpa

Unsere digitalen Kreuzfahrten sind nicht so sicher, wie wir glauben. Wir nutzen Netzstrukturen, die so fragil sind, dass Schiffbruch nicht ausgeschlossen ist.

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          Die Anzahl der Internetnutzer ist in der letzten Dekade um eintausend Prozent gestiegen. Hinzu kam der Boom der Mobiltelefone. Großrechenzentren schossen wie Pilze aus dem Boden. Doch hinter den Kulissen sieht es weit weniger schön aus, als man vermuten mag: Die Technologien, auf denen die digitale Wirtschaft beruht, wurden nicht für die Zwecke, für die sie heute eingesetzt werden, entworfen. Das Internet ähnelt einem großen Kreuzfahrtschiff, das nur von weitem betrachtet strahlend und stolz daherschwimmt. Wenn man ganz nach unten steigt, stellt man mit Erschrecken fest, dass das Schiff eigentlich eine Ansammlung notdürftig miteinander vertäuter Flöße ist, auf denen von findigen Kulissenbauern der Rumpf und nach und nach Sonnendecks und Salons errichtet wurden. Ganz unten sind nur modernde Holzstämme und einige leere Fässer, die das Schiff oben halten.

          Ein paar dieser Holzstämme und leeren Fässer sind die Basis, um in den Browsern das kleine Schloss zu zaubern, das die verschlüsselte Verbindung zur Bank oder zum Flirtportal anzeigt. Das Vertrauen in die Sicherheit dieses technischen Protokolls mit dem Namen SSL, das grundlegend für Tausende Dienste im Netz sind, ist durch Angriffe im Juni 2011 (siehe auch Sicherheit im Internet: Vorsicht, Kreditkartenbetrug!) vollends ausgehöhlt.

          Folgeschäden der Cloud

          Nachdem jahrelang etwa von den Betreibern sozialer Netzwerke und Shopping-Seiten gefordert wurde, dass der Datenverkehr verschlüsselt – über SSL-Zertifikate gesichert – abgewickelt werden müsse, hat sich endlich eine große Mehrheit dazu bequemt, den Kunden dieses Angebot zu eröffnen. Einige verpflichten die Nutzer sogar zur verschlüsselten Kommunikation bei bestimmten Dienstleistungen. Doch nun werden wohl neue Maßnahmen erforderlich. Denn die Implikationen des Dammbruchs bei Angriffen auf die verschlüsselte Datenübertragung sind kaum zu überschätzen, da mehr und mehr Firmen ihre Daten in die Internet-Wolke lagern – neudeutsch: Cloud. Und mit SSL wird das ganze schöne Cloud-Computing-Universum abgesichert, ob nun Firmen-E-Mails, Datenbanken oder Abrechnungssysteme auf die Server der Cloud-Dienstleister ausgelagert werden.

          Wenn sich ein Angreifer zwischen nichtsahnende Nutzer und Cloud-Computer schiebt und die Verschlüsselung mit den jüngst erbeuteten gefälschten Regierungszertifikaten aushebelt, kann er nicht nur Unternehmensinterna oder Passwörter abgreifen. Er kann auch ganz einfach die Cloud-Dienste sabotieren. Dennoch leuchteten die Alarmzeichen nur bei wenigen Technikern auf, das Kreuzfahrtfloßschiff gondelt sanft weiter. Welche Folgeschäden es haben kann, wenn man sich auf die Cloud verlässt, zeigte sich erst kürzlich, als ein großer Anbieter technische Probleme bekam: Betroffen war Amazons Cloud-Dienst „EC2“. Zeitweise war eine Vielzahl wichtiger, weltweit genutzter Internetdienste schlicht nicht funktionsfähig, da sie eben nicht auf den eigenen Computern der Firmen und privaten Nutzer laufen, sondern auf denen von Amazon. Konfrontiert mit vielen hundert wütenden Unternehmenskunden zeigte sich der Internet-Shopping-Gigant überfordert. Die Vorteile, seine eigene Wolke mit eigener Hardware zu betreiben, wurde deutlich: Man sollte nicht alle Eier ins selbe Nest legen, schon gar nicht, wenn man nicht selbst brütet.

          Die Gesamtstruktur steht in Frage

          Die Strukturen des Internets, wie wir es heute kennen, sind mitnichten militärisch gehärtet und besonders widerstandsfähig, wie es die Gründungslegende des Netzes gern unterstellt. Von der Keimzelle des Internets, einem universitären Forschungsnetz für redundante, ausfallsichere Kommunikation im Falle eines Atomkrieges, blieb wenig übrig. Die heutigen Strukturen sind zentralisiert und fragil, das betrifft die Netzwerkinfrastruktur, besonders aber die darauf betriebenen Dienste.

          De facto haben wir ein Oligopol von Anbietern, die wesentliche Teile der Internet-Funktionalität für den typischen Netznutzer abbilden. Zwischen Facebook, Amazon, ebay, Google, Microsoft und Apple spielt sich für die meisten Menschen der Großteil ihrer Aktivitäten ab. Jede dieser Firmen betreibt eine kleine Handvoll sogenannter Datacenter, wo jeweils tausende Server ihren Dienst verrichten. Gelegentlich vermieten sie sich sogar gegenseitig Serverkapazitäten. Computer in riesigen Datacentern zu betreiben, ist schlicht billiger, und das Angebot, dem Nutzer die Beherrschung der technischen Infrastruktur abzunehmen, ist verlockend. Das Resultat dieser technischen Entwicklung ist eine kleine Zahl von digitalen Monokulturen. In der Welt der Computer sind Monokulturen ähnlich zu betrachten wie in der Landwirtschaft. Sie sind praktisch, bringen eine Zeitlang bessere Erträge, erlauben Kostenvorteile. Genau wie in der Landwirtschaft sind Monokulturen aber auch dramatisch anfälliger für Schädlinge.

          Wir betreiben unsere digitale Ökonomie also auf wackligen Füßen, die nie dafür gedacht waren, Milliarden von Nutzern zu tragen. Die Technologien, auf die wir uns verlassen und die die Zukunft der vernetzten Gesellschaft sichern sollen, sind instabil und anfällig für Angriffe. Vielleicht sollten wir innehalten, um den atemlosen Drang hin zu Systemen, die nicht einmal technisch versierte Nutzer noch selbst in der Hand haben, zu überdenken. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu überlegen, ob Kontrollierbarkeit und Beherrschbarkeit von Technik, Verlässlichkeit und Erreichbarkeit nicht Werte sind, die längerfristig erfolgreicher sind, als kurzfristiger Profit und Durchmogeln mit Kulissenbauten auf rottenden Flößen.

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