https://www.faz.net/-gqz-84hy4

Angela Merkels Digitalpolitik : Profil, verschachert für 25 Cent

  • -Aktualisiert am

Wie hoch darf der Einsatz sein? Beim Big-Data-Roulette gibt es viel zu gewinnen – oder eben zu verlieren. Bild: dpa

Big Data – ein Segen für die deutsche Wirtschaft? In einer äußerst seltsamen Rede der Bundeskanzlerin werden die Probleme des Datenmissbrauchs einfach weggemerkelt.

          4 Min.

          Dass die EU erst zaghaft lernt, wie man in den nicht mehr ganz neuen digitalen Märkten das Wort Oligopol buchstabiert, ist keine neue Erkenntnis. Dass aber Angela Merkel, die Bundeskanzlerin und Chefin des Exportweltmeisters, für dieselben Märkte mit geradezu missionarischem Eifer nun das Hohelied der Deregulierung und Liberalisierung singt, lässt aufhorchen.

          Bei einem der CDU nahestehenden Unternehmerverband mit dem Namen Wirtschaftsrat hielt sie eine für ihre Gewohnheiten emotionsgeladene Rede, in der sie Dampf abließ über diejenigen, die als Big-Data-Skeptiker und Innovationsverhinderer nerven. Merkels Wutrede wird auf fruchtbaren Boden gefallen sein: Der Wirtschaftsrat hatte sich in der Vergangenheit immer wieder mit Ideen hervorgetan, um Hemmnisse bei der komplikationslosen Entfaltung der Datenmanie von Unternehmen anzuprangern. So sind ihm beispielsweise die Landesdatenschutzbeauftragten ein Dorn im Auge, der Wirtschaftsrat würde sie gern abgeschafft sehen.

          Probleme wegmerkeln

          Merkel malt die neue Big-Data-Welt vor diesem Publikum als Verheißung, als wahren Segen – als hätte es den seit Jahren täglich berichteten massenhaften Datenklau in allen erdenklichen Branchen und die Wirtschaftsspionage-Affäre durch NSA, GCHQ und BND nie gegeben. Doch lassen sich die Probleme des beständigen Datenmissbrauchs und die Machtfragen der Informationshoheit, die in der digitalen Welt offenkundig sind, einfach wegmerkeln, indem man nur noch auf die Chancen schaut und alle Risiken ignoriert?

          Die Bundeskanzlerin wünscht sich der Wirtschaft zuliebe, den schwunghaften Datenhandel noch zu befördern. Im Big-Data-Stil sollen die überall auflaufenden Informationen und Datenhäppchen weiterhin abgeschöpft, verglichen, gefiltert, kombiniert werden, bis die datengebende Person in jeder Hinsicht kategorisiert, ihr Lebensstil erfasst ist und dann das Profil zu 25 Cent je Mensch verschachert werden kann.

          Mehrfach betonte die Bundeskanzlerin die Wertschöpfung, die sich gerade aus individuell erforschten Kundendaten ziehen lasse. Diese sollen nach ihrer Überzeugung gar die Arbeitsplatzverluste durch die kommenden Automatisierungswellen kompensieren. Wie das funktionieren soll, bleibt rätselhaft, Merkel verschwendet auch keinen Satz zur Begründung der steilen These.

          Kommerzielles Ökosystem

          Big-Data-Geschäftsmodelle beruhen derzeit primär darauf, die Kunden mit zielgerichteter Werbung zu behelligen. Die vielbeschworene Wertschöpfung daraus findet bestenfalls in den Kassen der Werbekonzerne wie Google statt. Die eigentliche Arbeit wird nicht von Menschen verrichtet, die Analyse und Auswertung der Daten übernimmt die Software, die von ein paar hundert Spezialisten geschrieben wird. Wie man damit etwa Tausende durch selbstfahrende Automobile arbeitslos werdende Fern- oder Kurierfahrer in Lohn und Brot bringen will, bleibt Merkels Geheimnis.

          Weitere Themen

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

          DFB-Liebling Robin Gosens : „Zwick mich mal“

          Die Geschichte von Robin Gosens gibt es eigentlich nicht mehr: Von einem, der auf dem Dorfplatz entdeckt wurde und nun bei der EM für überwältigende Momente sorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.