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Aurélie Filippetti im Gespräch : All die sexistischen Geschichten

  • -Aktualisiert am

„Das politische Milieu ist extrem machistisch“, sagt sie. Aber Aurélie Filippetti geht ihren Weg. Bild: dpa

Die französische Kulturministerin sagt, dass sie ohne ein Gleichstellungsgesetz nie so weit gekommen wäre, und wehrt sich gegen den Vorwurf, sie habe als Schriftstellerin rein erotische Romane geschrieben.

          8 Min.

          Madame Filippetti, Ihre Ankündigung, mehr Frauen an die Spitze von Kulturinstitutionen berufen zu wollen, hat eine Debatte ausgelöst. Frédéric Mitterrand, Ihr Vorgänger im Amt des Kulturministers, hat Ihnen einen „vollkommen dogmatischen Ansatz in der Kulturpolitik“ vorgeworfen. Hat Sie das überrascht?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das hat mich überrascht, aber zugleich beweist es auch, dass man Bewegung in die Dinge bringen musste. Wenn man auf eine Diskriminierung hinweist, deren Opfer Frauen im Bereich der Kultur sind, dann führt das bei allen Konservativen zu heftigen Reaktionen. Das bestärkt mich aber nur in meiner Entschlossenheit, an dieser Situation etwas zu ändern, damit es zu einer gerechteren Vertretung der Frauen in den Leitungspositionen und in der Verteilung der Produktionsmittel kommt.

          Auch in der Verteilung der Produktionsmittel?

          Wir haben festgestellt, dass Frauen in verantwortlichen Positionen der Kultur nur über Budgets verfügen, die halb so groß sind wie die der männlichen Projektleiter oder Regisseure.

          Sie werden also auch weiterhin Frauen nominieren?

          Nicht automatisch. Ich nominiere Frauen nicht, um Frauen zu nominieren. Aber ich habe Verfahren durchgesetzt, die sicherstellen, dass Bewerbungen von paritätisch besetzten Gremien geprüft werden. Wenn ich sage, wir brauchen eine bessere Vertretung der Frauen, wenn ich im Kulturministerium eine Stelle eingerichtet habe, die auf die Gleichheit zwischen Männern und Frauen achtet - dann schafft das die Möglichkeit, die Dinge in Bewegung zu bringen. Früher hatten die Frauen unter den Bewerbungen für Leitungspositionen im Bereich der Kultur nur einen Anteil von 20 Prozent, inzwischen liegt er bei 50 Prozent. Bisher konnte man sagen, die Frauen wollten sich eben nicht bewerben, sie wollten keine Einrichtungen leiten. Jetzt sehen wir, dass dies nicht zutraf. Die Frauen spürten, dass man ihnen keine gleichen Wettbewerbschancen einräumte, aber wenn man ihnen sagt, dass man Verfahren geschaffen hat, die ihnen gleiche Chancen gewähren, bewerben sie sich plötzlich.

          Die Diskussionen über Sexismus in der Politik nehmen in Frankreich kein Ende. In Deutschland gab es Anfang des Jahres den Fall Brüderle. In Frankreich denke ich an Strauss-Kahn und erst kürzlich an die Abgeordnete der Nationalversammlung Véronique Massonneau ...

          die als Huhn karikiert wurde ...

          Auch über Sie gibt es eine Anekdote, die immer wieder erzählt wird. In Ihrer Zeit als Ratsmitglied des Fünften Arrondissements in Paris sind Sie danach einmal in einer Tür der Frau des Bürgermeisters begegnet. Sie haben sich geweigert, ihr Platz zu machen, und sie ist hingefallen. Heute noch erzählt und schreibt man diese Geschichte, um zu verdeutlichen, wie entschlossen Sie sind. Von Männern werden solche Geschichten nur selten erzählt ...

          Das politische Milieu ist extrem machistisch. Dort zirkulieren zahllose sexistische Geschichten und Gerüchte über mich und andere Frauen.

          Bevor Sie Ministerin wurden, waren Sie Schriftstellerin. Sie haben zwei Romane geschrieben. Wie würden Sie Ihre Erfahrung mit dem Aufstieg in eine Machtposition als Schriftstellerin beschreiben?

          Ich glaube, ich bin zu einer Zeit in die Politik gegangen, als die Dinge in Bewegung gerieten. Ich bin dank des Gleichstellungsgesetzes in die Politik gekommen, das Lionel Jospin im Jahr 2000 durchgesetzt hat. Ohne dieses Gesetz hätte ich in der Politik niemals eine Chance gehabt.

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