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Auktion : Eine einzigartige Sammlung enzyklopädischen Wissens

  • -Aktualisiert am

Universale Interessen: Hans Lutz Merkle Bild: dpa

Versteigerung des ersten Teils der Bibliothek des früheren Bosch-Chefs Hans Lutz Merkle.

          Nur einmal stand in den Nachrufen im September 2000 zu lesen, Hans Lutz Merkle, der einst mächtige Mann bei Bosch in Stuttgart, sei ein Anthroposoph und Philosoph mit ausgeprägtem Traditionsbewusstsein gewesen. Es blieb bei der bloßen Feststellung, der aber in dieser Woche der sichtbare Beweis folgt: An diesem Mittwoch versteigert das renommierte Buch- und Kunstantiquariat Reiss & Sohn in Königstein im Taunus den ersten Teil der Privatbibliothek von Hans Merkle.

          Was zu Lebzeiten nur sehr enge Freunde und Verwandte von dem öffentlichkeitsscheuen Unternehmer (oft genug als "Patriarch" bezeichnet) wussten, lässt nun einen ungetrübten Blick auf die privaten Interessen Merkles zu. Allein die Vorstellung ist beeindruckend: 17.000 Bücher umfasst seine Bibliothek, die er zu Lebzeiten an mehreren Orten verwahrte - eine regelrechte Schatztruhe des Geistes, die nunmehr zumindest zur Hälfte geöffnet wird. Denn rund 8.000 Bücher werden nach den Worten des Auktionators Clemens Reiss in vermutlich vier Versteigerungen in der nächsten Zeit verkauft.

          Eine Erstausgabe von Goethe für 12.000 Euro

          Der erste Teil, der am Mittwoch versteigert wird, besteht aus Werken der deutschen Literatur des 17. bis 19. Jahrhunderts. Fast schon mit Besessenheit legte Merkle im Laufe von Jahren und Jahrzehnten eine Sammlung an, die seinesgleichen sucht. Knapp 600 dieser Kleinodien werden angeboten, angeführt von der - was den Sammelwert betrifft - wertvollsten Ausgabe: Goethes "Römischer Carneval", einer Erstausgabe aus dem Jahre 1789, einst nur in einer Auflage von 250 Exemplaren gedruckt und so selten, dass Goethe selbst sie zu Lebzeiten vergeblich zu erwerben versuchte. Der Schätzwert wird mit 12.000 Euro angegeben, doch der Verkaufspreis dürfte am Ende sicher höher liegen.

          Betrachtet man den Auktionskatalog, wird sichtbar, wie universal die geistigen Interessen Merkles ausgerichtet waren. Konservativ im Denken, lag gewiss ein Schwerpunkt seines Interesses bei den Klassikern wie Goethe und Schiller. Folgerichtig stand die berühmte Sophien-Ausgabe mit 143 Bänden der Werke Goethes in seinem Bücherschrank, Schätzwert: 8.000 Euro. Nicht zu vergessen die Erstausgabe des "Götz von Berlichingen" von 1773 mit dem vollständigen legendären Götz-Zitat auf Seite 133. Auch diese Rarität ist mit 8.000 Euro angesetzt.

          Für Clemens Reiss gewährt Merkles Buchsammlung subtile Einblicke in dessen Persönlichkeit. In der Tat, wenn man in Merkles Bücher und Aufsätze hineinblickt, fällt der Versuch auf, welches Thema auch immer geistesgeschichtlich komplex abzuhandeln. Freilich mit dem Hintergrund: Wen auch immer Merkle zitierte - in der Regel besaß Merkle dieses Buch, und zwar möglichst in der Erstausgabe. Mit einer solchen Überzeugung war Merkle ganz der Vertreter jener bei heute agierenden Managern oft fehlenden Vorstellung, ein Unternehmer müsse vielseitig gebildet, in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in gleicher Weise zu Hause sein wie in der klassischen und modernen Literatur. "Kultur der Wirtschaft" hieß eine Sammlung mit Aufsätzen Merkles, woraus seine Grundüberzeugung sprach: Wirtschaft ist ein Teil der Kultur, also müssen sich die Wirtschaftsführer kundig machen in der gesamten Kultur, in der sie leben.

          Man kann sagen, Merkle kehrte als Buchsammler und leidenschaftlicher Leser zu seinen Ursprüngen zurück, denn geboren wurde er 1913 als Sohn eines Pforzheimer Buchdruckers und Verlegers. Ausgeprägt war sein Sinn dafür, dies zeigt seine Sammlung. Gewiss nicht in dem Sinn, dass Merkle Bücher als Anlageobjekte betrachtete. Er kaufte sie, um sie benutzen zu können, und zwar in einer, wann immer es ging, originalen Ausgabe aus dem Jahr des Erscheinens. Auf manche Dichter setzte er besondere Akzente: Eichendorff etwa (mit der Erstausgabe von "Aus dem Leben eines Taugenichts" von 1826, Schätzwert 4.000 Euro), aber auch eine umfangreiche Kleist-, Fontane-, Hölderlin- und Heine-Sammlung gehörten zu seinem Buchbestand. Wer wäre nicht stolz, Hölderlins Erstdruck der Tübinger Hymnen aus dem Jahr 1792 zu besitzen (auf 4.000 Euro geschätzt)?

          Es steht außer Frage, dass Merkle ein Buchmensch war. Nicht im Sinne jenes Sinologen namens Peter Kien, wie ihn Elias Canetti in seinem Roman "Die Blendung" erfunden hat: ein eigenwilliger, autistischer Mensch, dessen 25.000 Bücher ihm zu Kombattanten gegen eine geistig feindliche Welt werden. So war Merkle sicher nicht. Aber er liebte Bücher: Seit 1966 verschenkte er regelmäßig zu Weihnachten Bücher an seine Freunde, die bei der Deutschen Verlagsanstalt oder bei Menasse gedruckt wurden. Den Freunden legte er einen Begleittext bei, weshalb er diese Bücher ausgesucht hatte. Er wolle, schrieb er darin einmal, nicht den Freunden Unterhaltung verschaffen, im Gegenteil: "Die Bücher sollen eher Beunruhigung stiften." Und gleich fügte er das Zitat des Schriftstellers und Denkers André Gide an: "Ein Buch ist verfehlt, das den Leser unversehrt lässt."

          Klassiker der Wirtschafts- und Sozialgeschichte

          Mit Spannung darf man die kommenden Auktionen erwarten, in denen andere Teile der Merkle-Bibliothek versteigert werden. Dies betrifft klassische Literatur des 20. Jahrhunderts mit vielen Widmungsexemplaren und Werke ausländischer Dichter. Aufsehen dürfte dann aber vor allem der Teil der Sammlung erregen, dessen Inhalte Merkle besonders interessierte: Klassiker der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Clemens Reiss verspricht hier den ein oder anderen wirklichen Höhepunkt, was den Preis betrifft. So dürfte Euklids "Elementa Geometriae", 1482 gedruckt, für sehr viele tausend Euro den Besitzer wechseln, nicht anders die Erstausgabe von Adam Smiths "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations", 1776 veröffentlicht.

          "Dienen und Führen" - so hat Merkle seine unternehmerische Devise genannt. Er selbst, der mit Macht und Autorität führte, ließ sich privat führen: allen voran von seinen Büchern, waren diese belletristischer, philosophischer, staatswissenschaftlicher, politischer, geschichtlicher, mathematischer oder natur- und geisteswissenschaftlicher Herkunft. Dass die Hälfte seiner Bücher nun neue Besitzer findet, hat er noch zu Lebzeiten verfügt.

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