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Auktion : Eine einzigartige Sammlung enzyklopädischen Wissens

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Man kann sagen, Merkle kehrte als Buchsammler und leidenschaftlicher Leser zu seinen Ursprüngen zurück, denn geboren wurde er 1913 als Sohn eines Pforzheimer Buchdruckers und Verlegers. Ausgeprägt war sein Sinn dafür, dies zeigt seine Sammlung. Gewiss nicht in dem Sinn, dass Merkle Bücher als Anlageobjekte betrachtete. Er kaufte sie, um sie benutzen zu können, und zwar in einer, wann immer es ging, originalen Ausgabe aus dem Jahr des Erscheinens. Auf manche Dichter setzte er besondere Akzente: Eichendorff etwa (mit der Erstausgabe von "Aus dem Leben eines Taugenichts" von 1826, Schätzwert 4.000 Euro), aber auch eine umfangreiche Kleist-, Fontane-, Hölderlin- und Heine-Sammlung gehörten zu seinem Buchbestand. Wer wäre nicht stolz, Hölderlins Erstdruck der Tübinger Hymnen aus dem Jahr 1792 zu besitzen (auf 4.000 Euro geschätzt)?

Es steht außer Frage, dass Merkle ein Buchmensch war. Nicht im Sinne jenes Sinologen namens Peter Kien, wie ihn Elias Canetti in seinem Roman "Die Blendung" erfunden hat: ein eigenwilliger, autistischer Mensch, dessen 25.000 Bücher ihm zu Kombattanten gegen eine geistig feindliche Welt werden. So war Merkle sicher nicht. Aber er liebte Bücher: Seit 1966 verschenkte er regelmäßig zu Weihnachten Bücher an seine Freunde, die bei der Deutschen Verlagsanstalt oder bei Menasse gedruckt wurden. Den Freunden legte er einen Begleittext bei, weshalb er diese Bücher ausgesucht hatte. Er wolle, schrieb er darin einmal, nicht den Freunden Unterhaltung verschaffen, im Gegenteil: "Die Bücher sollen eher Beunruhigung stiften." Und gleich fügte er das Zitat des Schriftstellers und Denkers André Gide an: "Ein Buch ist verfehlt, das den Leser unversehrt lässt."

Klassiker der Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Mit Spannung darf man die kommenden Auktionen erwarten, in denen andere Teile der Merkle-Bibliothek versteigert werden. Dies betrifft klassische Literatur des 20. Jahrhunderts mit vielen Widmungsexemplaren und Werke ausländischer Dichter. Aufsehen dürfte dann aber vor allem der Teil der Sammlung erregen, dessen Inhalte Merkle besonders interessierte: Klassiker der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Clemens Reiss verspricht hier den ein oder anderen wirklichen Höhepunkt, was den Preis betrifft. So dürfte Euklids "Elementa Geometriae", 1482 gedruckt, für sehr viele tausend Euro den Besitzer wechseln, nicht anders die Erstausgabe von Adam Smiths "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations", 1776 veröffentlicht.

"Dienen und Führen" - so hat Merkle seine unternehmerische Devise genannt. Er selbst, der mit Macht und Autorität führte, ließ sich privat führen: allen voran von seinen Büchern, waren diese belletristischer, philosophischer, staatswissenschaftlicher, politischer, geschichtlicher, mathematischer oder natur- und geisteswissenschaftlicher Herkunft. Dass die Hälfte seiner Bücher nun neue Besitzer findet, hat er noch zu Lebzeiten verfügt.

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