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Auktion : Der Schatz aus der Rue Fontaine

  • -Aktualisiert am

Victor Brauners Porträt von André Breton wurde für rund 165.000 Euro versteigert Bild: AP

Mit dem Rekorderlös von 46 Millionen Euro ist die Auktion aus dem Nachlaß des Surrealisten-Chefs André Breton nach zwei Wochen zu Ende gegangen. 335 Objekte gingen an den Staat und die Museen des Landes.

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          Zehn Tage und 21 Sitzungen waren nötig, um die rund 4000 Lose aus dem Besitz von André Breton zuzuschlagen. Der Gesamterlös in Höhe von 46 Millionen Euro hat die Mindesterwartungen des Auktionshauses Calmels Cohen um fünfzig Prozent übertroffen.

          Der Surrealismus und postum Breton scheinen ebenfalls Gewinner dieses Marathons: Seit langem hat die Bewegung nicht mehr so die Gemüter erregt. 50 000 Besucher strömten zur Ausstellung ins Hôtel Drouot, und am großen Abend der Gemälde-Auktion drängten sich 2000 Leute in die beiden Säle.

          Der französische Staat als Hauptkäufer

          Nicht nur Sammler und Händler aus aller Welt fanden sich ein, auch passionierte Schaulustige rangen um Plätze oder erklommen die Präsentierpodeste: Die Bedeutung der Schätze, die Jahrzehnte in der Rue Fontaine schlummerten, ist erst mit ihrer Auflösung ins öffentliche Bewußtsein gedrungen.

          Der französische Staat, der wegen mangelnder Initiative zur Erhaltung der Sammlung Bretons nicht wenig kritisiert wurde, trat schließlich als Hauptkäufer auf. Die Kuratoren von mehr als 33 Museen und Institutionen haben für die bedeutendsten Stücke ihr Vorkaufsrecht geltend gemacht und 335 Erwerbungen zu insgesamt 11,8 Millionen Euro getätigt. Sammler und Händler mußten sich das Übrige teilen; so wurde weniger Bedeutendes über Gebühr begehrenswert, mitunter gar zum Fetisch.

          Geschickte Regie erhöhte die Spannung

          Durch geschickte Regie stieg die Spannung während der vier Tage dauernden Buchauktionen (F.A.Z. vom 12. April) langsam, aber stetig an. Beim Aufruf des Originalmanuskripts zu "Arcane 17" im pekariledernen Einband samt Porträt Elisa Bretons kam es zum ersten Duell in schwindelnder Höhe: Der Pariser Antiquar Jean-Claude Vrain, der die gesamte erste Woche als größter nichtinstitutioneller Käufer auftrat, bekam unter Applaus den Zuschlag bei 750 000 Euro (Taxe 150 000) - und mußte die Trophäe sogleich dem Vertreter der Bibliothèque Jacques Doucet überlassen.

          Diese sicherte sich auch die "Premiers sommeils hypnotiques" mit Texten und Zeichnungen von Breton, Crevel oder Eluard zu 150 000 Euro (40 000) und konnte die gesamten Dokumente Nadjas - allen voran die Druckfahnen von "Nadja" samt 27 Briefen der jungen Frau an Breton - für 140 000 Euro davontragen. Von den heiß umworbenen Volkskunst-Objekten kaufte das Centre Pompidou "La grande cuiller", den in "L'Amour fou" beschriebenen Holzlöffel, zu 19 000 Euro; die Bibliothèque Doucet ließ sich zur Kristallkugel einer Wahrsagerin hinreißen für 15 500 Euro (4000/6000). Weihwasserbecken sowie Waffel-, Hostien- und Oblateneisen fanden zwischen 300 und 3000 Euro reißenden Absatz.

          2,5 Millionen für Arps Holzrelief "Femme"

          Das auf drei bis fünf Millionen Euro geschätzte Gemälde von Miró, "Le Piège", gehörte zu den wenigen Losen, bei denen der Bieteifer Grenzen kannte: Der Hammer fiel bei 2,5 Millionen zugunsten eines Telefons. Der Saal hatte hingegen minutenlang die Luft angehalten, als Jean-Claude Vrain den Zuschlag für Hans Arps Holzrelief "Femme" zum Rekord von 2,5 Millionen Euro (600 000/800 000) erhielt - und das Centre Pompidou ihm die Beute gleich wieder abjagte.

          Er zog das Jackett aus und forderte die Museumsvertreter zum Boxkampf heraus. Auch Man Rays "Impossibilité Dancer/Danger" ging zu 1,4 Millionen Euro (800 000/1,2 Millionen) ans Pompidou, während das Museum von Saint-Etienne sich für 700 000 Euro (100 000/150 000) Victor Brauners "L'étrange cas de monsieur K" sicherte. Magrittes "La femme cachée", deren schlechter Zustand die Bieter zögern ließ, wechselte bei 900 000 (500 000/ 800 000) in eine amerikanische Sammlung.

          Ein großformatiger Picabia, "Les amoureux (après la pluie)", einst im Besitz Marcel Duchamps, verdoppelte die Erwartungen mit 1,6 Millionen Euro, und für ein Bild des kaum bekannten Yves Laloy, "Les Petits Pois sont verts . . .", mußte das Museum von Rennes mit 80 000 Euro die fünfzigfache Taxe aufbringen.

          "Surrealistische" Preise

          Am Fotografie-Abend ging es trotz vollständiger Präsenz des einschlägigen Publikums weniger hitzig zu. Die Pariser Händlerschaft betrachtete das Treiben leicht frustriert, nicht gewillt oder fähig, bei den "surrealistischen" Preisen mitzuhalten. Den Vogel schoß ein kolorierter Abzug von Bellmers "Puppe" ab, den ein Antwerpener Sammler zu 185 000 Euro (30 000/40 000) ergatterte, gefolgt von Manuel Alvarez Bravos "Parabola optica", für die der New Yorker David Raymond 130 000 Euro (50 000/ 60 000) bewilligte.

          Raoul Ubacs "Le triomphe de la stérilité ou Penthésilée" entschwand zu 95 000 Euro (40 000/60 000) über das Telefon, und die Stadt Paris gelangte bei 52 000 Euro (22 000/25 000) in den Besitz von Duchamps und Man Rays berühmter sternförmiger "Tonsure". Der letzte Abend galt der Stammeskunst: Für die Uli-Figur mußten sich Saal und Telefon bei 1,1 Millionen Euro (500 000/700 000) einem Auftragsgebot beugen; das zukünftige Musée du Quai Branly meldete sich beim Zuschlag der Haida-Maske aus Britisch-Kolumbien zu 140 000 Euro (100 000/150 000).

          Die Versteigerung der Sammlung André Breton ist zweifellos das Pariser Auktionsereignis dieses beginnenden Jahrhunderts. Der Schatz aus der Rue Fontaine ist nun in alle Winde zerstreut. Doch der Geist Bretons ist noch einmal aufgelebt, und auf manchen weniger bekannten Vertreter des Surrealismus ist zum ersten Mal ein Licht gefallen.

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