https://www.faz.net/-gqz-7iws9

Augustus-Ausstellung in Rom : Ein rabiater Europäer der ersten Stunde

  • -Aktualisiert am

Er war der Großneffe von Julius Cäsar und erfand das römische Kaisertum: Eine große Ausstellung in Rom feiert das Heldentum und die Herrlichkeit des Herrschers Augustus.

          4 Min.

          Zweitausend Jahre Augustus - wie mickrig nehmen sich gegen ein solches Jubiläum die Staatsgrößen anderer Nationen aus. Karl V., Napoleon, Bismarck, Queen Victoria, selbst Karl der Große in allen Ehren, gegen den Erfinder des römischen Kaisertums verblassen so ziemlich alle historischen Vergleichsgrößen. Und so ist dieser Urcäsar Augustus für die italienische Nation, die ihn mit Recht bereits ein Jahr vor seinem runden Todesdatum angemessen zu feiern beginnt, recht eigentlich eine Nummer zu groß; einen Berlusconi hätte dieser Kaiser wohl in einem Latrinenkanal ertränken lassen.

          Doch taugt der Großneffe von Julius Cäsar - geboren unter dem Namen Gaius Octavius und später für die Aufstiegsjahre Octavian genannt -, der die römische Republik gewaltsam in ein Gottkaisertum umschmiedete und das Imperium mit der bewährten Taktik von Angriffskriegen bis in die Sahara und an den Kaukasus ausdehnte, tatsächlich als Gründervater Europas? Moralisch wohl kaum, realpolitisch vielleicht schon.

          Das kalte Kalkül der Herrschaft

          Der zweitausendste Geburtstag vor 76 Jahren fiel exakt ins neuzeitliche Imperium eines ridikülen Duce, der seinen viel zu großen Vorgänger mit Riesenstatuen, Briefmarken und Plakaten verzweifelt und vergeblich zur Legitimation heranzog. Heute beschränkt man sich weise aufs Grandiose: Alles, was in der Welt an vorwiegend steinerner Huldigung, an damaliger Luxuskunst und figuralem Augustus-Kult nach Rom transportiert werden konnte, ist in den Scuderie del Quirinale vertreten: ein erhabener Anblick von Prachtstücken aus der Ny Carlsberg Glyptotek, dem New Yorker Metropolitan, dem Museo Archeologico aus Neapel, aus dem British Museum und vor allem aus dem mitveranstaltenden Louvre.

          Aber diese Parade bietet auch einen Anblick, der schaudern macht. Denn wenn wir die von Augustus geförderten (und teilweise wieder vernichteten) Dichter wie Horaz, Vergil, Ovid trotz ihres Herrscherlobs auch wegen ihrer überzeitlichen Sprachkunst vergöttlichen, so tritt uns in den Statuen und Büsten des Mannes, dessen Ehrenname „der Erhabene“ bedeutet, unverhohlen das Antlitz der Macht entgegen. Und das ist in aller propagandistischen Kälte und Perfektion nicht herzerwärmend.

          Ein Gott schon zu Lebzeiten

          Aber nur in einer Zusammenschau wie dieser lässt sich die kaiserliche Bildpolitik in wenigen Schritten ablesen. Eine frappierend lebensechte Bronzestatue aus Athen zeigt uns den hageren, fanatischen Krieger, der 31 vor Christus bei Actium in blutiger Seeschlacht den Bürgerkrieg beendete. Danach blieben dem einstigen Außenseiter mit schwächlicher Konstitution, der sich als Schützling des Apollo begriff, noch sagenhafte vierundvierzig Jahre, um das Imperium nach innen zu festigen und nach außen zu erweitern - gegen Hispanien formidabel, gegen Germanien erbärmlich. Die aufgereihten Büsten führen vor, dass sich dabei die mädchenhaft weichen Gesichtszüge des Octavian immer mehr mit hohen Wangenknochen, breitem Gesichtsfeld, alexanderhafter Stirnlocke und leichten Henkelohren zum Idealbild des milden Herrschers wandeln. Fast schaut er so entrückt dämlich drein, als könnte ausgerechnet dieser Meister der Intrige kein Wässerchen trüben.

          Weitere Themen

          Mann der Möglichkeiten

          Retrospektive Peter Weibel : Mann der Möglichkeiten

          Peter Weibel hört beim ZKM in Karlsruhe nicht auf. Warum auch? Seine Retrospektive zeigt, dass er stets vorausahnte, was der Gesellschaft blüht. Als nächstes wären das die „Biomedien“.

          Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf gestorben : Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf war im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Sinn fürs Historische, hintergründigen Humor – und blickte voraus. Nun ist der frühere ARD-Programmdirektor im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.
          Demonstranten am Donnerstagabend vor dem polnischen Parlament in Warschau.

          Gericht gegen Gericht : Ein neues Niveau im polnischen Justizstreit

          In Polen spitzt sich der Streit um die Justizreform zu: Während das Oberste Gericht verhindern will, dass die 500 neuen Richter Urteile sprechen können, beschließt das Parlament ein Gesetz, um stärker durchgreifen zu können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.