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Augmented-Reality-Spiel : Jagt Eure Pokémon doch bitte woanders

Ist er nicht niedlich? Nicht unbedingt. Für Pokémon-Go-Spieler aber erscheinen die virtuellen Mini-Monster unwiderstehlich. Bild: Michael Spehr

Das Smartphone-Spiel Pokémon Go verändert die Welt. Es schickt seine Nutzer auf Safari und macht vor buchstäblich nichts halt. Doch schon formiert sich Widerstand.

          So vor zwanzig Jahren, als zum Beispiel das Gameboy-Spiel Pokémon erschien, ging die Sorge um, Computerspieler würden sich nicht ausreichend bewegen. Seit der Veröffentlichung des Smartphone-Spiels Pokémon Go vor einer Woche gibt es eher Anlass zur Sorge, dass sie sich zu viel bewegen.

          In einem historischen Dammbruch ergießt sich gerade die virtuelle Realität über die materielle, und Millionen Bürger verhalten sich wie die Lemminge aus dem gleichnamigen Computerspiel von 1991: Den Blick fest aufs Smartphone gerichtet, scannen sie Städte, Dörfer und Wälder nach den kleinen Taschenmonstern ab, die an ausgesuchten GPS-Positionen im Display auftauchen. Die Dinge haben nun zwei Gesichter: Vor der Skulptur zweier Zeitungsleser vor dem Verlagsgebäude schweben drei rote Kugeln! Schnell einsammeln und auf das Rattfatz feuern, das auf dem Redaktionsflur hockt!

          Alte Grenzen verdampfen

          Google Maps, auf dessen Technologie das Spiel basiert, hat die Wirklichkeit nur abgebildet. Pokémon Go schafft eine neue. Die physische Welt wird Content für eine virtuelle Spielumgebung, die sich über den Globus legt. Alte Grenzen von Recht und Eigentum verdampfen. Nutzer verirren sich in Krankenhäuser, Kirchen und Polizeistationen oder werden aus Restaurants geworfen, weil sie Pokémons, keine Pizza suchen. Die App, die von der mit Google und Nintendo verbundenen Firma Niantic stammt und seit Mittwoch auch in Deutschland gratis angeboten wird, war in den Vereinigten Staaten schnell auf mehr Telefonen installiert als Tinder und wird mehr genutzt als Twitter.

          Das Holocaust Memorial Museum hat sich Pokémon-Go-Besuche inzwischen verbeten.

          An manchen Pokéstops herrscht Festivalstimmung. Und manche zahlen Geld für einen Köder, der Pokémons anlockt, die andere Spieler anlocken, denen man dann die Mobiltelefone und andere Wertsachen abnehmen kann. Auch die Museen erhalten unverhofften Zulauf. Vierzehn Pokéstops wurden allein im Art Institute Chicago gesichtet, weitere im British Museum, im New Yorker MoMA und vor Jean-Baptistes Carpeaux’ Großplastik des Ugolino im Metropolitan Museum (bekannt aus Dantes Göttlicher Komödie).

          Die amerikanischen Gedenkstätten haben nun aufgerufen, bitte nicht im Holocaust Memorial Museum zu spielen. Am MIttwoch schloss sich die „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ an. Dagegen werben Geschäfte und Bars, in denen die Entwickler Pokéstops plaziert haben, mit eigenen Aufstellern. Wahrscheinlich werden sie für solch vorteilhafte Plazierungen bald zahlen müssen. Pokémon Go gibt eine Vorahnung darauf, wie wir, zumindest die Privilegierten, wohl bald regiert werden: per Nudging, also gezielt gesetzten positiven Anreizen, statt durch Verbote. Wird bestimmt witzig.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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