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Auftakt der Filmfestspiele Venedig : Mit dem Gondoliere durch die Galaxie

  • -Aktualisiert am
Anlanden: George Clooney auf dem Weg zum Lido
Anlanden: George Clooney auf dem Weg zum Lido : Bild: dpa

Die Grundidee: das Bild totaler Einsamkeit und Chancenlosigkeit der beiden Helden, die im Weltraum aus ihrer zersiebten Basis geschleudert werden und quasi per Anhalter von einer Raumstation zur nächsten hüpfen müssen. Über Sandra Bullocks Part dabei wird gemunkelt, dass sie nach durchaus adäquateren Spacebabies wie Angelina Jolie, Scarlett Johansson, Natalie Portman, Rachel Weisz und sogar Marion Cotillard eher als sechste Wahl zu gelten habe. Da man von den Protagonisten, verloren im Raum, jedoch sowieso meist nur die unförmigen, virtuos rotierenden Wärmeanzüge und Sauerstoffglocken zu sehen bekommt, kommt es ohnehin nicht so drauf an.

Entrinnen aus dem Todesreich

Das Manko dieses schwerelosen Schwerkraftepos, von einem britischen Riesenteam mit ungeheurem Rechenaufwand digitalisiert und dreidimensionaliert, liegt weder in den durch die Kostümierung limitierten Darstellerleistungen noch in den detailverliebten Panoramen aus Weltraumschrott und wahlweise russisch oder chinesisch blinkenden Anzeigetafeln. Dass die Helden im entscheidenden Moment schon den richtigen Knopf drücken und notfalls wundersam auf die Erde zurückgebeamt werden, wissen schließlich schon die Kleinkinder als Mitreisende von „Raumschiff Enterprise“.

Gnä’ Frau: George Clooney küsst die Hand Sandra Bullocks
Gnä’ Frau: George Clooney küsst die Hand Sandra Bullocks : Bild: dpa

Und dass hier die Explosionspartikel nicht wie in gewöhnlichen amerikanischen Knallern mit Schall-, sondern mit Lichtgeschwindigkeit anfliegen, kann an der Grundkonstellation des Genres nichts ändern: Während die Szenerie - durchaus in Anspielung auf Kubricks sehr viel philosophischeres und meditativeres „2001“ - atemberaubende Flugpanoramen aus dem Orbit bietet und wir mitunter das wunderliche Glänzen schwereloser Tränen bestaunen dürfen, bleibt der Plot immer nah am Durchhaltepathos. Es gibt ein Entrinnen sogar aus dem Todesreich; Opfermut und Standhaftigkeit zahlen sich am Ende aus; Glauben ist alles. Ein etwas mickriger Ertrag für so viel Rechenkapazität.

Galaktischer Gondoliere

Aber warum nur so viel riesensymphonischer Säuselsound ausgerechnet im erfreulich schallgedämpften Weltall? Warum mitten im Inferno dauernd Hinweise auf eine lohnende Zukunft kommender Generationen? Und am wichtigsten: Warum ist immer gleich der Sauerstoff alle? Von wenigen qualifizierten Ausnahmen abgesehen, dürfen solche Kinokassen-Science-Fictions und dergleichen pubertäre Pannenfilme eben niemals über den erzählerischen Komplexitätsgrad von Ritterromanen hinauskommen. Das Kleinhirn will sein Futter. Mit dem Verstreichen der auch im Weltraum erstaunlich zähen Zeit und am allermeisten beim allerletzten Cliffhanger auf Tauchstation in einem britischen Binnensee wünscht man sich indes, dass die ganze Chose endgültig in die Luft fliegt, damit eine Ruhe ist.

Wenn überhaupt etwas von „Gravity“ bleiben wird, dann dieser Teufelskerl Clooney, der im Film Kowalsky heißt. Mehrmals, wenn schon alles mehr als rettungslos verloren ist, rudert er mit seinem Siegerlächeln, blitzendem Blick und Stahlgrübchen als galaktischer Gondoliere ins Bild - jeden noch so kalten Kaffee könnte dieser amerikanische Allwetterwerbeträger spielend mit seinem Auftreten verkaufen. Ja, man würde ihm sofort zutrauen, gewaltige Asteroiden per Hand zu bremsen und dabei noch alle arabischen Bürgerkriege mit einem Augenzwinkern zu beenden.

Während Sandra Bullock immer mal wieder das verschreckte Hühnchen spielt und hektisch - wer kennt das nicht von der Autopanne? - in den Bedienungsanleitungen diverser Raumstationen blättern muss, segelt Commander Clooney entspannt zu Countrymusik ins Universum hinaus. Seine letzten Worte? „We gonna get out of here!“ Auch für ein Filmfestival kein verkehrtes Motto.

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