https://www.faz.net/-gqz-8wxpn

Aufstrichkritik : Remoulade als soziales Schmiermittel

Besser geht’s nicht. Bild: Picture-Alliance

Egal ob zum Backfisch oder auf dem Salamibrötchen: Viele Menschen hassen Remoulade. Weil sie zu fettig sei und überflüssig sowieso. Dabei ist sie ein treuer Begleiter und ein großer Trost.

          1 Min.

          Im Internet haben sie jetzt mal wieder zu einer UN-Resolution gegen Remoulade aufgerufen. Was das denn nur immer solle, schrieben die einen, da kaufe man sich ein unschuldiges Brötchen am Bahnhof, beiße rein – und links und rechts schössen nur so die Lavaströme von Remoulade heraus, das sei doch, schrieben die anderen, mit einem brötchenwürdigen Leben nicht zu vereinbaren, und dann auch noch diese Kalorien und der ganze ranzige Schmotz, der das subtile Zusammenspiel von Weizenbrötchen aus dem Backautomaten, viereckig geformtem Kochschinken, eiskalter Tomate und Salatblatt (Menge: 1) in einer dicklichen Sauce ertränken würde, da müsse man doch, schrieben die dritten, endlich mal was gegen tun, das stünde doch einem friedlichen Zusammenleben der Völker oder zumindest dem zwischen Bäckereifachverkäuferinnen und ihren Kunden im Weg!

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Remouladeverachtung gehört schon immer zum Standardrepertoire der Kulturkritik. Sie ist genauso gratis zu haben wie der Hass auf Starbucks oder den FC Bayern München. Ich verstehe nur gar nicht, was all diese Leute gegen Remoulade haben – anders kriegt man einen vollumfänglich panierten und frittierten und sechs Stunden lang von der Heizsonne eines Schnellimbisses verwöhnten Backfisch doch gar nicht herunter.

          Remoulade ist also nicht der Gegner, sie wäre es vielleicht, wenn man sie als Hauptgang essen würde, aber wer tut das schon? Einmal hat Rainer Sass in der Kochshow von Johannes B. Kerner ein Hühnchen zu scharf angebraten, es war dunkelschwarz verschmort, „davon kriegt man Krebs, oder?“, fragte Kerner eilfertig, worauf Sass „Kann schon sein, wenn du eine halbe Tonne davon isst“ geantwortet hat, und ganz genauso verhält es sich mit dem Gezeter über Remoulade.

          Man isst ja nicht eine halbe Tonne davon auf dem Brötchen. Überhaupt ist der einfachste Weg, von einem Brötchen nicht über seinen Inhalt getäuscht zu werden, immer noch, sich sein Proviant zu Hause zu schmieren und mitzunehmen.

          Die Remoulade ist ein großer Besänftiger, das hat sie mit Senf gemeinsam, denn selbst wenn der Senf scharf sein sollte, macht er ja die Dinge weicher und anschmiegsamer, kühlt sie herunter, bettet sie ein, eine Art Polsterung, nein: eine weiche Decke um die angenehmen Kanten des gerösteten Fleischs oder gebackenen Fischs herum. Remoulade will nie allein sein. Ein soziales Wesen, vielleicht etwas aufdringlich, aber immer ein Trost.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Warten auf Weihnachten

          Kunstauktionen in Wien : Warten auf Weihnachten

          Im Dorotheum und bei Kinsky kommt alte und neue Kunst zum Aufruf. Von Jan Brueghel bis zu Christo reicht das adventliche Angebot.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.