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Aufruhr in Bollywood : Jenseits der Traumwelt

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Das Bollywood-Kino wird zusehends vielfältiger. Der alternative Film, in Indien "art film" genannt, hat schon immer politische Themen behandelt und wurde auf Filmfestivals hoch gelobt, doch dem breiten Publikum niemals gezeigt.

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          Das Bollywood-Kino wird zusehends vielfältiger. Der alternative Film, in Indien "art film" genannt, hat schon immer politische Themen behandelt und wurde auf Filmfestivals hoch gelobt, doch dem breiten Publikum niemals gezeigt. Aber in den letzten Monaten sind mehrere Filme aus den Bollywood-Studios in die Kinos gekommen, die einmal nicht die eskapistischen Traumwelten projizieren, sondern sie sind geradezu brutal realistische Doku-Spielfilme. Dennoch sind sie beim Publikum wie bei der Presse ein Erfolg.

          Allen voran ist Rahul Dholakias Film "Parzania" zu nennen. Er ruft eine der schmerzlichsten und beschämendsten Episoden der jüngsten indischen Geschichte ins Gedächtnis zurück, nämlich die Massaker an den Muslimen im Februar 2002 im Bundesstaat Gujarat. Fanatisierter hinduistischer Mob drang in muslimische Häuser ein, setzte sie in Brand, vergewaltigte die Frauen, verstümmelte und ermordete ganze Familien. Dholakia stellt das Schicksal einer Parsenfamilie nach, deren Sohn während des Aufruhrs verschwunden und bis heute nicht wiederaufgetaucht ist. Das eigentliche Thema ist nicht der Kampf zwischen Hinduismus und Islam, sondern wie "gewöhnliche" Menschen zu Hass und brutaler Gewalt fähig werden. Zum Schluss wird das Foto des vermissten Sohnes eingeblendet, in der Hoffnung, er könne doch noch auftauchen.

          In "Black Friday" (Schwarzer Freitag) beschwört Anurag Kashyap die Bombenattentate in Bombay im Jahr 1993 auf eine kalt realistische Weise, die sogar auf eine durchgehende Filmhandlung verzichtet. In beiden Fällen sind nur wenige Schuldige bereits verurteilt und bestraft worden, was den Filmen eine geradezu beängstigende Relevanz verleiht. "Black Friday" wurde sogar laut Gerichtsbeschluss zwei Jahre lang zurückgehalten, damit die Richter sich in ihrer Urteilsfindung nicht beeinflusst fühlen konnten. Beide Filme mussten und müssen weiterhin mit politischer Opposition kämpfen. "Parzania" wird in Gujarat, dem Ort des Geschehens, nicht gezeigt. Zwar ist der Film nicht verboten, doch aus Furcht vor politischen Gegenangriffen wagen die Kinobesitzer nicht, ihn zu zeigen. Immerhin ist dieselbe Regierung, die 2002 die Massaker zuließ, weiterhin an der Macht. Und rund fünfzigtausend muslimische Familien, Opfer der Brandschatzung, leben weiterhin in armseligen Zeltlagern. "Parzania" und "Black Friday" werden auch in Bihar nicht gezeigt. Doch dies gibt den Filmen umso größere Aufmerksamkeit in anderen Bundesländern.

          Letzten Monat protestierten mehrere bedeutende Vereinigungen von Filmschaffenden gemeinsam in Bombay gegen solche politischen Repressalien. Es herrschte eine Einigkeit in dem streitsüchtigen Milieu der Filmindustrie, die man, so der "Telegraph", "bisher nie gesehen hatte". Auch andere realistische und sozialkritische Bollywood-Filme, wie "Eklavya" und "Traffic Signal", haben den Weg in die großen Kinosäle gefunden. In "Eklavya" ist, wohl zum ersten Mal, ein Dalit (ein Mitglied der untersten Kasten) Held eines Films. "Traffic Signal" beobachtet das Geschehen an den Hunderten von Verkehrsampeln in Bombay, wo Bettelei und Hökern üblich sind. Beobachter melden eine erstaunliche Publikumsreaktion bei diesen Filmen. Klatschen, Johlen und Zurufe sind bei Bollywood-Schinken nicht neu. Diesmal aber konnte man viele, auch junge Zuschauer unverhohlen weinen sehen. MARTIN KÄMPCHEN

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