https://www.faz.net/-gqz-y42r

Aufruhr in Ägypten : Tage der Angst

  • -Aktualisiert am

Steine gegen Tränengas: Ägyptische Demonstraten beim gewaltsamen Protest gegen die Regierung Bild: dpa

In Ägypten breiten sich Gewalt, Anarchie und Angst aus. Das System reagiert auf die Demonstrationen mit Reizgas. Plünderer nutzen die Gunst der Stunde. Die Bevölkerung wehrt sich mit ziviler Mobilmachung und hofft auf ein schnelles Ende. Ein Augenzeugenbericht.

          4 Min.

          Am Freitagmorgen, als in Ägypten das Internet und die Handys abgeschaltet wurden, begannen sich die Menschen erstmals Sorgen zu machen. Unsicherheit, Gewalt, Chaos und Plünderungen steigerten das kollektive Angstgefühl dann in einer derart sorgfältigen Choreographie, dass die allermeisten Ägypter nicht mehr an Zufall glauben wollten. Schnell stand ein hässlicher Verdacht im Raum. Während immer mehr Ägypter am Tahrir-Platz lautstark eine Abdankung ihres Präsidenten fordern, bringt sich dieser beim ganz überwiegenden Rest der Bevölkerung als Retter vor Chaos und Anarchie in Stellung. Tatsächlich scheinen in Ägypten zurzeit zwei Auseinandersetzungen zu toben. Bei der einen geht es um Freiheit und Demokratie, bei der anderen um Angst und Sicherheit.

          Es fing alles am Freitag vergleichsweise harmlos an. Von jeglicher fernmündlichen Kommunikation abgeschnitten, hatte jeder irgendwelche Gerüchte gehört: Die Läden könnten bald schließen, die Versorgung sei gefährdet, hier und da werde bereits die Butter knapp. Ein Besuch im Supermarkt bestätigte den Verdacht. Brot war nicht mehr zu bekommen, Batterien auch nicht. Familienväter schoben mit betonter Selbstverständlichkeit zehn Kisten Wasser und eine Monatsration Konserven an die Kasse, als ob es um den Wochenendeinkauf ginge. Niemand wollte sich eine Blöße geben oder Panik verbreiten. Schließlich war nicht absehbar, dass der selbe Supermarkt ein oder zwei Nächte später eine ausgebrannte Ruine oder zumindest leergeplündert sein würde.

          Gewalt, Plünderungen, Angst

          Am Nachmittag erreichten dann die Reizgas-Wolken die Kairoer Wohnviertel. Wie angekündigt, waren die Menschen nach dem Freitagsgebet auf die Straßen gegangen und hatten zu Zehntausenden den Rücktritt ihres Präsidenten gefordert. Das Regime reagierte mit Gummigeschossen und Gasgranaten, und zwar mit so viel Gas, dass es auch wirklich jeder Unbeteiligte mitbekam. Selbst auf der demonstrationsfreien Nilinsel Zamalek brachen die Menschen in Tränen aus. Viele traf es völlig unvorbereitet. Apotheken kramen hastig Schutzmasken hervor, die schon vor eineinhalb Jahren vor der Schweinegrippe nicht geholfen hatten, und selbst den Wasserpfeifen-Rauchern in den Cafes mit Blick auf die Hausboote geht die Luft aus. Es war ohnehin Zeit, nach Hause zu gehen. Die Regierung hat eine Ausgangssperre verhängt, die letzten Mannschaftswagen der Polizei flüchten über die Nilbrücken in ihre Quartiere oder in die Anonymität und überlassen die Stadt in der Dämmerung weitgehend sich selbst.

          Dann kamen die Plünderer. Unkontrollierte Gruppen von Kriminellen, so hieß es, hätten sich Waffen beschafft und seien in Supermärkte, Geschäfte und Wohnhäuser eingedrungen. Berichte von Massenausbrüchen aus Gefängnissen machen im Fernsehen die Runde. Aufgeregt wurden Informationen, Vermutungen und Gerüchte über Nachbarn und das Festnetz-Telefon weitergegeben. Und immer wieder war die gleiche Geschichte zu hören: Aufgebrachte Anwohner hatten am Abend im Kairoer Nobelvorort Maadi drei Plünderer gefasst und mit Tritten und Drohungen zu Geständnissen bewegt. Ja, sie seien vom Innenministerium, gestand der eine. Man hätte ihnen den Auftrag gegeben, sich mit Waffengewalt Zugang zu Geschäften und Wohnhäusern zu verschaffen und sich selbst zu bedienen. Ausweise, die sie als Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden ausweisen, hatten sie auch dabei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?
          „Chapeau“ für den Wahlsieger: EZB-Präsidentin Lagarde, Merkel und von der Leyen am Freitag in Brüssel

          EU reagiert auf Wahlsieg : „Chapeau, muss man einfach sagen“

          Die EU-Regierungschefs äußern sich erleichtert über das britische Wahlergebnis. Auch Angela Merkel findet lobende Worte für Johnson. Nun wollen sie rasch über die Zukunft verhandeln – im eigenen Interesse.
          Süßigkeiten unterschiedlichster Marken

          Milka-Eigentümer : Mondelez im Visier von Kartellwächtern

          Die österreichische Vertriebstochter des Konzerns, zu dem unter anderem die Marke Milka gehört, soll europäische Graumarkthändler mit großen Mengen an Schokolade und Keksen versorgt haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.