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Aufruf zum Buchpreis-Widerstand : Schwänzt doch einfach, ihr Schreibschüler!

  • -Aktualisiert am

Auch auf der Longlist des Buchpreises: Michael Ziegelwagner Bild: Tom Hintner

Der Deutsche Buchpreis steht schon seit Jahren in der Kritik: Die Nominierten würden wie Pennäler behandelt. Einer der Longlist-Autoren hat nun die Lösung: Ein Aufruf zum Picknick.

          Ich kann mich über den Deutschen Buchpreis nicht beklagen. Ich stehe auf der prächtigen, imposanten, von zwanzig Namen pulsierenden Longlist. Die armen Teufel, denen am 10.September nur die kleine Shortlist bleiben wird, tun mir leid.

          Das ist erstens ein etwas pubertärer Witz, und zweitens ist es wahr: Auf der Longlist darf man sich über plötzliche Prominenz freuen, Buchverkäufe und einen Brief des Vorstehers des Börsenvereins, Herr Riethmüller, der einem „viel Erfolg“ für „die spannenden nächsten Wochen“ wünscht. Nur leise knabbert das schlechte Gewissen, weil man kraft des zufälligen Juryentscheids möglicherweise irgendjemandem den Platz wegnimmt, der es mehr verdient hätte – sofern „verdienen“ hier überhaupt Sinn hat, denn, hoppla!: Einmal nominiert, erscheinen einem die Kategorien des Ausscheidens, Durchsetzens und Verdrängens sofort einleuchtend, und man beginnt, selbst in diesen Kategorien zu denken, sogar, wenn man’s gut meint.

          „Missbrauch der Autoren und ihrer Bücher“

          Anstatt grundsätzlich zu bezweifeln, dass es so etwas wie ein zwanzigstbestes Buch des Jahres überhaupt gibt (welches dann nämlich, laut Jurybeschluss, von mir stammt – und zwar mindestens)... Aber wo wollte ich noch gleich hin? Richtig: zur Erklärung, warum einem die armen Teufel auf der Shortlist leidtun können.

          Sechs Schriftsteller werden es sein. Welche, das wissen sie selbst noch nicht. Auf der Longlist mit vierzehn Minderbegabten gefangen, leben sie derzeit in ständiger Ungewissheit, selbst einer dieser vierzehn zu sein. Als sei dies nicht genug der Qual, müssen sie sich noch vom Feuilleton mobben lassen: Männer werden dafür kritisiert, keine Frauen zu sein, Frauen, weil sie nicht mehr jung genug sind. Stehen die sechs Auserwählten schließlich fest, müssen sie zum Autorenauftrieb in den Frankfurter Römer. Dort locken insgesamt 37.500 Euro – eine Summe, für die Jürgen Fitschen und Anshu Jain, die Chefs der buchpreisfördernden Deutschen Bank, immerhin 2,8 Tage arbeiten müssten.

          Die Verleihungszeremonie dauert dann exakt 55 Minuten, etwa so viel wie eine Schulstunde, und an ihrem Ende bekommt jeder sein Preispickerl: Ein Autor ist 25.000 Euro wert, die anderen bekommen jeweils 2500. Die vierzehn auf der Strecke gebliebenen Longlistkandidaten bekommen nichts, haben aber ein paar Wochen lang mit in die Auslage gedurft. Einen „Missbrauch der Autoren und ihrer Bücher“ nannte dies Wilhelm Genazino, Preiskandidat 2005 und 2011.

          Sollten nicht alle zufrieden sein?

          Man verstehe mich nicht falsch: Schrecklich und demütigend ist dieses Prozedere vor allem dann, wenn man es ernst nimmt. Und nicht ohnehin eher der Ansicht zuneigt, der Deutsche Buchpreis und seine „Short-, Long- und Dingdonglisten“ (Hans Mentz in „Titanic“) sei ein bloßer „Reklamepreis“ (Stefan Gärtner, ibid.), ein fröhliches Literaturlotto, in dem der unergründliche Ratschluss weiser Juroren erfreulicherweise mal das eigene Werk erwischt hat.

          Ziegelwagner schlägt vor: Gemeinschaftskasse und Picknick statt unfaire Preisgeldverteilung und gegenseitiges Schulterklopfen

          Ein Preis, den man überdies sanktionslos schmähen darf: Marlene Streeruwitz’ harter, grundsätzlicher, an vielen Stellen schön satirischer Buchpreisroman wird großzügig auf der diesjährigen Longlist geduldet, weil weder die Preisrichter noch der Börsenverein des deutschen Buchhandels sich nachsagen lassen möchten, sie könnten nicht über sich selbst lachen. So wird Kritik Werbung. Und wirbt damit auch für die Kritik.

          Sollten damit nicht alle zufrieden sein? Und in Gottes Namen mitspielen, anstatt sich über kapitalistische Ausscheideverfahren aufzuregen? Müssen sich nicht Tausende Jobsuchende regelmäßig Bewerbungsgesprächen unterwerfen? Setzen sich nicht täglich Studenten WG-Castings aus, um einen bezahlbaren Schlafplatz zu bekommen? Gehen nicht Jugendliche freiwillig in Gesangs- und Talentshows, die ohne Spott der Jury und des Fernsehpublikums gar nicht denkbar sind?

          Ja, eh.

          Um Anmeldungen wird gebeten

          Es sollten sich also die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht gar so anstellen. Sondern es sportlich nehmen. Sich dem Wettbewerb stellen. In sogenannten „Blind Dates“ (Buchpreishomepage) an Buchhandlungen vermieten lassen. Folgsam ins Frankfurter Rathaus laufen, aufgefädelt nebeneinandersitzen wie die Vorzugsschüler, bis die 55 Minuten um sind und der Herr Direktor endlich die große Schultüte überreicht. Und im anschließenden Smalltalk mit dem Stiftungsvertreter der Deutschen Bank nicht frech werden, die Themen „Nahrungsmittelspekulation“, „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ und „Finanzierung völkerrechtswidriger Streumunition“ also vermeiden und lieber vom Mäzenatentum kunstsinniger Unternehmen reden.

          Reichlich undankbar wäre es nämlich, würden sich die ursprünglich zwanzig Kandidaten gegen die Preisrichter verbünden. Leicht ließe sich ja eine Klassenkasse gründen, in der die 37.500 Euro, die je nach Notendurchschnitt verteilt werden, gesammelt und einfach durch zwanzig geteilt werden. Schon wäre das verordnete Reglement, wonach ein Roman zehnmal so viel wert ist wie ein anderer, zumindest in monetärer Hinsicht ins Wackeln gebracht. Ohne das Preisgeld aber müsste man als Shortlist-Autor nicht einmal mehr in den Römer pilgern. Solidarisch-gewerkschaftlich könnte man die Veranstaltung schwänzen.

          Anfang Oktober ist es in Frankfurt manchmal überraschend warm; auf dem Platz vor dem Rathaus soll laut Langzeitprognose am 6.Oktober sogar Picknickwetter herrschen. Wer entmündigte Schreibschüler züchtet, soll kindische Streiche ernten. Um Anmeldungen wird gebeten. Bei zwanzig Teilnehmern stifte ich die Picknickdecke.

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