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Ideen zur Nutzung von Museen : Zur Kur im Museum

  • -Aktualisiert am

Mit der Corona-Installation „Over the Rainbow“ im Thackray Museum of Medicine in Leeds wird den Mitarbeitern des britischen Gesundheitssystems für ihren bisherigen Einsatz in der Pandemie gedankt, zum anderen der kürzlich abgeschlossenen Sanierung des Museums für vier Millionen Pfund gedacht. Auch andere britische Museen widmen sich Corona-Ausstellungen oder sind in Impfzentren umgewandelt. Bild: dpa

Zauberberg-Kurort, Schule oder Impfzentrum: Derzeit kursieren viele Ideen zur Nutzung der im Lockdown geschlossenen Ausstellungshäuser.

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          Sehnsucht ist eine der stärksten Energien des Menschen. Sie überwindet Ozeane, Todesstreifen und Standesgrenzen. Aber reicht unsere Sehnsucht als Grund aus, die Museen wieder zu öffnen, die mindestens noch drei Wochen geschlossen bleiben sollten? Und wäre das nicht unsolidarisch? Alle Museumsdirektoren der Republik verspüren den Mehltau der Lähmung. Wie in einer Schneekugel liegen die schönsten Ausstellungen unberührt in den Museen. Tatsächlich legt sich hier und da schon eine dünne Staubschicht auf die Exponate. Einige Schauen wie beispielsweise die „Russischen Impressionisten“ im Potsdamer Museum Barberini werden erst mit einem Jahr Verspätung Ende August öffnen, was aber nur möglich ist, wenn die oft internationalen Leihgeber das auch genehmigen. Alle scharren mit den Hufen.

          Ist die vorzeitige Öffnung oder Umnutzung realistisch?

          Ein gutes Dutzend Direktoren aber hat nun einen Aufruf an die Kulturstaatsministerin gerichtet, die meist räumlich großzügigen heiligen Hallen noch vor Ende des derzeitigen Lockdowns partiell zu öffnen. Im Gefolge dieses Briefes werden in den Medien die verschiedensten Nutzungen vorgeschlagen. Man solle die Häuser für kleinere und regionale Gruppen öffnen, als wäre der gemeine Bielefelder virusgefeiter als auswärtige Gelsenkirchener oder gar Kölner Besucher. Man könne die Säle auch als Klassenzimmer nutzen, als ließen sich die Museumsräume so kräftig lüften, wie es derzeit nun einmal Pflicht ist – die Leinwand des klimatisch dann ohnehin ruinierten großen Rubens könnte man als altmodische Tafel bekritzeln, frei nach dem Motto „Narrenhände beschmieren Tisch und Leinwände“. Berichtet wird auch, einige Museen in Großbritannien, vor allem solche, die sich den Naturwissenschaften widmen, würden bereits als Impfzentren genutzt – Immunisieren unterm Dinoskelett heißt hier die Devise. Die einstige Leiterin der Documenta 13 und jetzige Direktorin des Museums Castello di Rivoli in Turin, Christov-Bakargiev, bemüht die angebliche Geburt des Museums aus dem Krankenhaus, um die heilende Funktion von Kunst zu betonen. Sie hat ihr Museum jedenfalls schon in ein Impfzentrum verwandelt.

          Die Wiener Staatsoper geht den umgekehrten Weg: Da sie für Aufführungen vor Publikum noch auf unabsehbare Zeit geschlossen ist, erklärte sie sich kurzerhand zum Architekturmuseum. Das ist sie als Juwel der Neo-Renaissance innerhalb des Ringstraßen-Historismus zweifelsohne. Zweitgenutzt wurde die Staatsoper schon in der James-Bond-Verfilmung „Der Hauch des Todes“ mit Timothy Dalton sowie in dem Film „Mission: Impossible“ von Tom Cruise. Ihr Direktor hofft, dass bei freiem Eintritt einige Euro für den Staatsopershop hängen bleiben. Wenn man an die frühere Besucherzahl von 280 000 im Jahr denkt, ist das immerhin realistischer als die abenteuerliche Phantasie, man könnte Museen allein wegen ihrer Größe für Not-Schulen nutzen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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