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Aufrüstung im Internet : Amerika und China im Cyberkrieg

Das Gebäude von Einheit 61398 am Stadtrand von Shanghai: Die chinesischen Hacker sollen Cyperangriffe auf die Vereinigten Staaten durchführen Bild: Reuters

Dem amerikanischen Kongress liegt ein Papier vor, das empfiehlt, wegen der Spionage massiv gegen China vorzugehen. Die Aufrüstung im Netz wird langsam gefährlich.

          Der Ton wird schärfer. In ihrem gerade veröffentlichten Bericht an den Kongress fordert die „US-China Economic and Security Review Commission“ eine umfassende Reaktion Amerikas auf die chinesische Spionage im Internet. Sie erwägt Handelsbeschränkungen, Einreiseverbote für Organisationen mit Hackerkontakten und eine Bankensperre für Firmen, die im Internet gestohlenes geistiges Eigentum verwenden.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Kommission begründet ihre harte Gangart damit, dass China keine Reue zeige, und beruft sich dabei auf die amerikanische Sicherheitsfirma Mandiant, die im Februar zum ersten Mal eine konkrete Einheit der Volksbefreiungsarmee als Ausgangspunkt von Hackerangriffen gegen westliche Wirtschaftsunternehmen identifiziert hatte. Jetzt berichtete Mandiant, die Einheit habe nach ihrer Enttarnung einen Monat Pause gemacht und danach ihre Aktionen mit neuer Schadsoftware einfach fortgesetzt. Freilich hätten, wie der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Dennis Shea, einräumte, die Snowden-Enthüllungen „Amerikas Fähigkeit, seine Sorge auszudrücken“, beeinträchtigt. Doch er versäumte es, näher auszuführen, was das bedeutet.

          Sie folgen Maos Partisanentaktik

          Mandiant macht die in einem Hochhaus in der Datong-Straße in Schanghai-Pudong ansässige Einheit 61398 der Volksbefreiungsarmee (oder aber, wie der Bericht der Genauigkeit halber hinzufügte: eine sich in unmittelbarer Nähe dieser Einheit befindende Großorganisation, die den Behörden verborgen geblieben ist) für Hackerangriffe auf mindestens 141 überwiegend amerikanische Unternehmen seit 2006 verantwortlich, aus Branchen, die China in seinem jüngsten Zwölf-Jahres-Plan als strategisch bedeutsam für sein Wachstum ausgewiesen hatte. Entwendet wurden technische Blaupausen, Geschäftspläne, Verträge, Kontaktlisten und die E-Mails leitender Angestellter. Von einer Organisation wurden im Verlauf von zehn Monaten nicht weniger als 6,5 Terabyte Daten gestohlen. Die Sicherheitsfirma schließt aus den von ihr analysierten Operationen der Einheit, dass diese über Hunderte, wahrscheinlich mindestens tausend Mitarbeiter verfügt, außer Technikern und Hackern auch Industrieingenieure, Finanzwissenschaftler und Linguisten mit fließender Beherrschung des Englischen.

          China hat im Februar und auch jetzt wieder die Existenz einer Einheit mit einem solchen Auftrag geleugnet. Doch das von Mandiant entworfene Profil entspricht sehr genau den Forderungen, die chinesische Militärwissenschaftler seit Jahren an die Strategie des Landes stellen. Wan Dongsheng vom Elektrotechnischen Institut der Volksbefreiungsarmee verglich das Verhältnis Chinas zu den Vereinigten Staaten im Internet schon 2006 mit der Lage, wie sie Mao im Bürgerkrieg analysiert hatte. „Im Kampf einer schwachen Armee gegen einen mächtigen Feind“, hatte Mao geschrieben, müsse man der direkten Konfrontation ausweichen und stattdessen die Partisanentaktik anwenden, also „die schwachen Teile des Gegners auswählen und schlagen“ und zu diesem Zweck zuvor genügend Aufklärung betreiben. In diesem Sinne empfahl der Gelehrte, nicht in erster Linie die militärischen Kommandozentralen des Gegners aufs Korn zu nehmen, sondern sein Finanzsystem und seinen internationalen Handel. Wan sah einen lang andauernden Guerrillakrieg im Internet voraus, der, wenn er sich zu einem „totalen Cyberwar“ auswachse, wie im Volkskrieg zu Maos Zeiten die Mobilisierung von Hunderten Millionen Internetnutzern im Lande erforderlich mache, die entsprechend professionell ausgebildet und trainiert werden müssten.

          Gut gesichert und geheim: Offiziell leugnet China die Existenz einer Spionageeinheit

          Das Selbstbewusstsein als ursprünglich unterlegener, auf Dauer aber siegreicher Partisanenkämpfer ist eine chinesische Tradition, die in der aktuellen Anwendung aber zugleich darauf verweist, wie sehr China bei all seinen Selbsterklärungen auf Amerika fixiert ist. Diese Abhängigkeit lässt sich bis in die lebensgeschichtliche Prägung von Staatshackern hinein verfolgen. Der Mandiant-Bericht hatte bei der in der Einheit 61398 entwickelten Schadsoftware die persönliche Signatur eines unvorsichtigen Mitarbeiters mit dem Pseudonym „Ugly Gorilla“ entdeckt; durch die Identität der Nutzerdaten stellte der Bericht fest, dass sich ebendieser Ugly Gorilla 2004 an einer Online-Diskussion der Volksbefreiungs-Zeitung beteiligt hatte, in der er dem Militärtheoretiker Zhang Zhaozhang zu seinem gerade erschienenen Buch „Netzkrieg“ gratulierte und dann eine persönliche Frage stellte: „Das amerikanische Militär soll eine eigene Cyberarmee aufgestellt haben. Hat China ähnliche Streitkräfte? Hat China Cybertruppen?“ Offenbar ist Ugly Gorilla fündig geworden.

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