https://www.faz.net/-gqz-7jsfi

Aufrüstung im Internet : Amerika und China im Cyberkrieg

  • -Aktualisiert am

Viele öffentliche Erklärungen zur nationalen Internetsicherheit funktionieren in China spiegelbildlich zu amerikanischen Verlautbarungen. 2009 verkündeten die amerikanischen Streitkräfte die Einrichtung eines Cyberkommandos (mit dem NSA-Direktor General Keith Alexander an der Spitze); schon 2010 erklärte die Volksbefreiungsarmee den Aufbau einer zentralen Cyberwar-Basis namens „Informations-Sicherheits-Basis“. So wie der Nuklearkrieg der Krieg des Industriezeitalters war, sei der Cyberkrieg der Krieg des Informationszeitalters, schreiben Militärgelehrte wie Ye Zheng und Zhao Boxian in Parteizeitungen, was dann westliche Nachrichtenagenturen mit genüsslichem Schauder zitieren, ohne freilich hinzuzufügen, dass es sich um die chinesische Übernahme einer Formulierung des amerikanischen Thinktanks Rand-Corporation handelt.

China hat noch keinen Snowden

Und sogar die Enthüllungen weisen neuerdings eine gewisse Parallelität auf. Nach den ersten Snowden-Berichten behauptete der NSA-Historiker Mathew Aid in der Zeitschrift „Foreign Policy“ unter Berufung auf anonyme Informanten, dass eine geheime Einheit innerhalb der NSA namens TAO (Office of Tailored Access Operations) China seit fast fünfzehn Jahren erfolgreich ausspioniere. Die Einheit sammele Daten, die es Amerika im Ernstfall erlaubten, die Telekommunikationssysteme des Gegners zu zerstören. Sechshundert Angestellte arbeiteten in dem abgeschirmten Sondertrakt der NSA-Zentrale rund um die Uhr im Schichtbetrieb.

Zugleich bleiben aber die Informationen, welche die Öffentlichkeit von den Cyberaktivitäten der beiden Länder hat, asymmetrisch. Auf der einen Seite liegt das daran, dass es keinen chinesischen Snowden gibt. Auf der anderen Seite gibt China auch keinen privaten Sicherheitsfirmen die Lizenz, ihre Erkenntnisse über amerikanische Geheimdiensttätigkeiten zu veröffentlichen. China antwortete auf die massive Kritik Amerikas Anfang des Jahres nur mit dem Hinweis, es verfüge über „Berge von Daten“ über amerikanische Versuche, chinesische Regierungsgeheimnisse zu stehlen. Immer schon behauptete China, es sei selbst das größte Opfer von Hackerangriffen. Allein zwischen Januar und August dieses Jahres seien acht Millionen chinesische Server von ausländischen Trojanern befallen worden, sagte Minister Cai Mingzhao jetzt auf einer Konferenz im Silicon Valley.

Wirbt für Offenheit und Vertrauen: Bill Clinton trifft Chinas Präsident Xi Jinping in Peking
Wirbt für Offenheit und Vertrauen: Bill Clinton trifft Chinas Präsident Xi Jinping in Peking : Bild: AP

Auf dieser Tagung wurde ein gemeinsames Papier von zwei Thinktanks der beiden Länder, der „Internet Society of China“ und des „East West Institute“, vorgestellt, das den Teufelskreis der gegenseitigen Schuldzuweisungen durch die stillschweigende Anerkennung einer Art Recht aufs Hacken zu durchbrechen versucht. „Spionageerwartungen entrümpeln“ lautet eine der zehn Empfehlungen: Damit ist nicht weniger gemeint, als das wechselseitige Ausspionieren im Internet als Tatsache zu akzeptieren, so wie man es in der Diplomatie auch tut. Auch Bill Clinton forderte bei einem Besuch in Peking gerade, dass sich China und Amerika offen sagen sollten, in welchen Bereichen sie sich gegenseitig ausspionieren.

Das Papier der beiden Thinktanks sieht eine solche Offenheit als Voraussetzung dafür an, dass legitime Objekte der nationalen Sicherheit und die „humanitären Interessen“ von Nichtkombattanten, also etwa von Krankenhäusern, auseinandergehalten werden können; ähnlich wie in Kriegskonventionen sollen Letztere von Cyberattacken ausdrücklich ausgenommen sein. Es geht den Autoren, den Politikberatern Zhou Yonglin und Karl Frederick Rauscher, darum, dass die Diplomaten wieder eine realistische, überprüfbare Sprache für ihre je eigenen Interessen finden und wenigstens die „Geschwindigkeit der Destabilisierung“ verlangsamen. Mit dem Vertrauen im globalen Internet ist es offenbar zurzeit so bestellt, dass es die Experten nur noch durch die Annahme des Kriegsfalls wiederherstellen zu können meinen - eine Hypothese, die seit Pekings Einrichtung einer Luftverteidigungszone am Wochenende leider um einiges realistischer geworden ist.

Weitere Themen

Kolonialismus und Erinnerungskultur Video-Seite öffnen

Marilyn Douala Bell im Porträt : Kolonialismus und Erinnerungskultur

Kulturbotschafterin, Kämpferin für kritische Erinnerungskultur und jetzt auch Trägerin der Goethe-Medaille: Prinzessin Marilyn Douala Manga Bell – Urenkelin von Rudolf Duala Manga Bell, König des Duala-Volkes und berühmter Widerstandskämpfer Kameruns.

Der helle Falke fliegt nur online

Theaterboom in Moskau : Der helle Falke fliegt nur online

Bühne frei für böse Märchen: Radikal aktualisierte Stücke von Alexander Ostrowski und Anton Tschechow, aber auch die Träume russischer Dschihadistenbräute elektrisieren das Moskauer Publikum.

Topmeldungen

Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
              Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.