https://www.faz.net/-gqz-95o4t

Kommentar : Nicht deren Bier

  • -Aktualisiert am

Erinnerung an den Holocaust: Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Bild: dpa

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli will Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten durchsetzen. Für Deutsche und für Migranten – aber was soll das bringen?

          1 Min.

          Die „Bild am Sonntag“ lag im Prinzip richtig: „SPD-Politikerin fordert Pflichtbesuch im KZ für Deutsche und Migranten“. Die Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli, gebürtige Berlinerin und gläubige Muslima, wird mit den Worten zitiert, „KZ-Besuche“ sollten „zum Bestandteil von Integrationskursen werden“. Eine Steilvorlage für Häme, die aus manchem hasserfüllten Tweet sprach: „Staatssekretärin fordert Pflicht-KZ-Besuch für Asylbewerber: Ich war schon immer für Internierungslager, dass mir aber jetzt auch noch Chebli beipflichtet.“

          Natürlich ging es Chebli um den Besuch von Gedenkstätten. Schon einmal hatte sie kundgetan, dass deutsche Muslime mitverantwortlich dafür seien, die Verbrechen der NS-Zeit aufzuarbeiten. Wie das konkret aussehen soll, erfuhr man nun am Wochenende: „Ich fände es sinnvoll, wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben.“ Das gelte auch für jene, „die neu zu uns gekommen sind“. Aber wie viele Deutsche mag es geben, die keine KZ-Gedenkstätte aufgesucht haben und sich trotzdem der Schuld vergangener Generationen sowie der Verantwortung heutiger Generationen gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit bewusst sind? Und müssen umgekehrt Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, sich wirklich in gleicher Weise für unsere Geschichte verantwortlich fühlen wie wir? Haben sie nicht das Recht auf ihre eigene Geschichte? Und bedeutet Integration nicht gerade, dass in beiderseitigem Prozess der Horizont des einen sich öffnen soll für den Horizont des anderen?

          Schließlich: Selbst wenn der Gedenkstättenbesuch verpflichtend eingeführt würde: Was erhofft Chebli sich davon? Muslimische Flüchtlinge, auf die sie sich offenkundig bezieht, kommen überwiegend aus krisengeschüttelten Ländern und Kriegsregionen. Da mag sie Zeitgeschichtliches erst einmal weniger interessieren. Erst recht aber wird es sie nicht dazu bewegen, ihre Haltung gegenüber Juden zu ändern. Antisemitismus hat viele Gesichter und unterschiedliche Wurzeln. Ihm ist kaum beizukommen, indem politische Aufklärungskonzepte aus der deutschen Nachkriegszeit auf Geflüchtete dieser Tage übertragen werden.

          Hannah Bethke
          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Weitere Themen

          In der Vorhölle

          Dantes Verse : In der Vorhölle

          Schlechte Aussichten für zurückgetretene Päpste: Was Benedikt XVI. anstellte, empfand Dante als eine Scheußlichkeit.

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

          Erholung im Low-Covid-Sommer vor der vierten Welle: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt.

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Unser Team ist dezimiert“

          In Deutschland sinken die Fallzahlen. Oberarzt Cihan Çelik berichtet, wie es jetzt auf der Isolierstation im Klinikum Darmstadt aussieht, was mit der Delta-Variante auf uns zukommt und wie sinnvoll die Maskenpflicht noch ist.
          Die 28 Jahre alte Annalena Baerbock 2009 auf dem Landesparteitag von Bündnis90/Die Grünen in Angermünde (Uckermark).

          Buch von Annalena Baerbock : Ein konsensfähiges Leben

          Wenn irgendwo was rumliegt, räumt sie es auf: Wie Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt“ die neue Rolle der Grünen zu verkörpern versucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.