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Aufgeblasene Romane : Halten Sie sich kurz!

Steckt in fast jedem Buch ein besseres, dünneres, das geradezu danach schreit, freigelassen zu werden? Bild: Picture-Alliance

Die diesjährige Jury des Man-Booker-Preises klagt über zu viele lange Romane. Stecken in den meisten Büchern bessere, dünnere Exemplare? Und was würden Tolstoi und Fitzgerald dazu sagen?

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          Die diesjährige Jury des Man-Booker-Preises hat darüber geklagt, viele der eingereichten Romane seien zu lang, zu fettreich und aufgeblasen. Sie sagt es vornehmer. „Manchmal hatten wir den Eindruck“, so formuliert es der Juryvorsitzende mit einem zu Herzen gehenden Bild, „dass in dem Buch, das wir lasen, ein besseres, dünneres steckte, das geradezu danach schrie, freigelassen zu werden.“

          Und wer verhindert systematisch, dass dieses schmalere, edlere Wesen an die Luft darf, der leichtgewichtige Roman, die elegante Novelle? Wer sind die Schurken des Stücks? „Wir hatten das Gefühl“, so der Chefjuror der weltweit berühmtesten Romanauszeichnung, „die Rolle der Lektoren hätte ruhig, sagen wir mal, energischer gespielt werden können.“ Eine andere Jurorin ging noch weiter. Erstens stünden die Lektoren heute unter gewaltigem kommerziellen Druck, hätten also nicht immer die Zeit, einen Roman ausreichend zu bearbeiten. Zweitens seien sie häufig nicht gut genug. Und drittens seien viele Autoren zu stur und weigerten sich, gute Ratschläge anzunehmen.

          Ist „Krieg und Frieden“ zu lang?

          Was kann man da machen? Eigentlich nichts – außer eben, über Länge und Kürze ganz allgemein zu philosophieren. Die einen verfahren so, die anderen so. Mal ist dieses richtig, mal ein anderes. Jean-Paul Sartre fand, er müsse über Flauberts Leben dreitausend Seiten schreiben, während Borges sich mit Vorliebe auf das Format des „Biogramms“ verließ (drei bis vier Seiten). Ist „Krieg und Frieden“ zu lang? Eher nein. Die Länge hat ja etwas zu sagen. Ein Glück, dass Tolstoi von seinem früheren Titel abgerückt ist: „Ende gut, alles gut“. Nicht auszudenken!

          Fitzgerald wiederum glaubte, der mangelnde Bestsellererfolg seines „Großen Gatsby“ liege daran, dass sein Roman zu kurz sei. Zu viel Verdichtung hilft also auch nicht. Zwanzig Jahre später, als der Welterfolg dann kam, war Fitzgerald schon tot, gefällt von seinem dritten Herzinfarkt. Ach! Man kann einfach nichts aus diesen Fällen ableiten. Ein deutscher Fantasy-Autor erzählte mir mal, er wage es nicht, eine Lieferung seiner großen nordischen Saga (Krieger, Elfen, Schwerter, Schrate) unter fünfhundert Seiten abzuliefern, sonst stiegen ihm die jugendlichen Buchkäufer aufs Dach, deren Taschengeld säße nicht locker. Ein anderer Autor – deutsche Höhenkammliteratur, vielfach prämiert – ächzte vor vielen Jahren unter der Aufgabe, aus seinem neuen Tausendseitenklotz dreihundert herauszustreichen, sein Lektor sei ein ganz Strenger. Wirklich geholfen hat es dem Roman auch nicht. Mal ganz zu schweigen davon, dass so ziemlich die scheußlichste Prosa unter der Sonne, in langen Sätzen wie in kurzen, nämlich die einer gewissen E. L. James, Millionen Leser findet.

          Noch einmal: Was tun? Nichts. Das Leben ist verdammt relativ, und Bücher sind es auch. Am schönsten, und damit schließen wir, ist in diesem Zusammenhang die Kürzestgeschichte von Lydia Davis, Trägerin des „Man Booker International Prize“. Man lernt so viel daraus und hat danach immer noch Zeit, einkaufen zu gehen oder die Wäsche zu erledigen. Hier ist sie, vollständig in zwei Sätzen: „All my life I had been trying to improve my German. At last my German is better, but now I am an old woman.“ P.I.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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