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Aufblende : Da schlottern Michelangelos „David“ die Knie: Hannibal in Florenz

Dank moderner Telekommunikation kann Dr. Hannibal (Anthony Hopkins) Karussell fahren, während die Ermittlerin (Julianne Moore) ihn in der Leitung hat Bild: dpa

Eigentlich ist Hannibal Lecter ein Nachfolger von Fantomas. Nach „Hannibal“ ist er nur noch ein harmloser alter Bekannter. Da mag Hopkins noch so diabolisch grinsen und „goody-goody“ oder „okey-dokey“ sagen.

          Eigentlich ist Hannibal Lecter ein Nachfolger von Fantomas. Jonathan Demme, der Regisseur des „Schweigens der Lämmer“, hat das genau begriffen: dieses kein-Gesicht-Haben, dieses nur-Maske-Sein ist die Essenz unserer abendländischen Vorstellungen über das Böse, den Teufel in jederlei Gestalt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nur Thomas Harris, der Autor der Romanvorlage, hat leider nicht richtig hingeschaut. Harris verliebte sich, als das „Schweigen der Lämmer“ herauskam und ein Riesenerfolg wurde, ganz backfischhaft in seine eigene Figur und ihren Darsteller und übersah dabei die formgebende Leistung des Regisseurs. Deshalb hat er seinen nächsten Roman gänzlich um Papa Hannibal herumgebaut und die übrigen Figuren, allen voran die FBI-Agentin Clarice Starling, zu bloßen Requisiten im Kabinett des Dr. Lecter degradiert.

          „Hannibal“, das Buch, war eine Katastrophe: eingeseift mit alteuropäischer Kultur - Florenz, Dante, der Palazzo Vecchio, die Brancacci-Kapelle - und windelweich gepolstert mit einer Kindheit als Opfer der Nazis, gab die Figur des Genußmörders, der Harris einen Hochaltar errichten wollte, ihren Geist auf.

          „Hannibal“, der Film, versucht nun zu retten, was zu retten ist: vor allem das Gegensatzpaar Starling-Lecter, das bei Harris in einem idiotischen Finale zum Liebespaar wird, aber auch das Florenz-Motiv. Die Stadt am Arno sieht wirklich gut aus bei Ridley Scott, und Giancarlo Giannini, der einen italienischen Kommissar spielt, passt wunderbar zu Anthony Hopkins.

          Auch Julianne Moore, die von Jodie Foster, der das Buch einfach zu blöd war, die Rolle von Clarice Starling übernommen hat, macht keine schlechte Figur; sie bringt eine gewisse Bitterkeit mit, eine amazonenhafte Härte, der man gerne zuschaut. Aber was der Roman nicht hergibt, nämlich eine schlüssige Geschichte, kann auch Meister Scott nicht herbeizaubern. Der Part des nach Lecters Blut lechzenden Millionärs Verger, den selbstloserweise Gary Oldman übernommen hat, stimmt hinten und vorne nicht, und die Schlußsequenz, in der Ray Liotta als FBI-Agent Krendler sein eigenes Großhirn scheibchenweise futtern muß, riecht nicht nach Dämonie, sondern nach Bratfett.

          Da mag Hopkins noch so diabolisch grinsen und „goody-goody“ oder „okey-dokey“ sagen: Von nun an ist er für uns nur noch ein harmloser alter Bekannter. Und vielleicht läuft er uns in den nächsten Tagen ja wirklich mal über den Weg. Okey-dokey, Tony! Goody-goody, Hannibal!

          Aus den Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeine vom 10. Februar 2001

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