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Lehren aus der Katastrophe : Auf der Kippe

Eine Frau steht am 16. Juli in Bad Neuenahr-Ahrweiler vor Trümmern Bild: AFP

Wir sind an einem „Kipppunkt“. Das hören wir immer und vergessen es dann auch wieder schnell. Bis zum nächsten Punkt, an dem alle wissen, was man vorher hätte besser machen sollen. Damit fängt man am besten selbst an.

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          Das Wort „Kipppunkt“, so liest man in einem freien Wörterbuch im Netz, komme selten in deutschsprachigen Texten vor. Ob das an den drei „p“ liegt? Gründe, über „Kipppunkte“ zu sprechen, gibt es jedenfalls ausreichend. In der Klimaforschung und der Klimadiskussion spielen sie eine entscheidende Rolle. Der Schriftsteller Frank Schätzing machte das im Kölner Stadt-Anzeiger jetzt sehr anschaulich: Ein System, hier die Natur, steht unter Stress, steckt diesen lange weg, hält Belastungen aus, so dass man denkt, es ändere sich gar nichts. Doch dann – kippt es „in eine neue, nicht umkehrbare Richtung“.

          Was das bedeutet, bekommen wir gerade bei der Überschwemmungskatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz vor Augen geführt. Die Böden können die Wassermassen, die der Dauerregen uns beschert, nicht mehr aufnehmen und geben nach. Das ist das eine Kippelement, das andere geht diesem voran: Der Jetstream, der um den Nordpol weht und in unseren Breitengraden für einen Wechsel von Hochs und Tiefs sorgt, erlahmt. Das Hoch oder Tief kommt und – bleibt. Die extreme Wetterlage wird zum Regelfall.

          So erklärt es der studierte Kommunikationswissenschaftler und Bestsellerautor Schätzing im Stile eines Klimaforschers, der auch um das gesellschaftliche Klima weiß. Das hat ebenso seine Kipppunkte: Tritt die Katastrophe ein, kippt die Stimmung. Mit einem Mal wissen alle, was in Sachen Klimaschutz oder Katastrophenschutz zu tun gewesen wäre. Nur werden die Stimmen derer, die vor dem Erreichen des „Tipping Point“ warnten, nicht gehört. Im Fall des Klimas hat der Weltklimarat schon vor zwei Jahrzehnten benannt, an welchen Punkten es kippt, in dieser Zeitung wurden sie unzählige Male aufgegriffen, vom Schmelzen des Meereises und des Eisschildes in Grönland über das Ansteigen des Meeresspiegels bis zum Austrocknen des Regenwaldes und dem Auftauen der Permafrostböden, um nur ein paar zu nennen, die zu verhindern wären, würde die Erderwärmung auf 1,5 Prozent begrenzt.

          Wann kippt die Debatte?

          Doch wann immer man an den Punkt kommt, kippt die Debatte in eine andere Richtung: Kippt die Stimmung für Armin Laschet, weil er in einem kurzen Moment belustigte Miene machte, obwohl es gerade nichts zu lachen gibt? Welche Deutung lässt es zu, dass Angela Merkel und Malu Dreyer Hand in Hand durch den von den Fluten zerstörten Ort Schuld gingen, außer derjenigen, dass Dreyer aufgrund ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose Stützung braucht? Die Menschen im Katastrophengebiet bedürfen der Unterstützung, wenn die Politiker sich ein Bild und die Medien Bilder von ihnen gemacht haben. Und wir alle brauchen ein Verständnis von Klimaschutz, wie es Frank Schätzing postuliert, „als Dreiklang von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Sonst ist es bis zum nächsten Kipppunkt nicht weit.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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