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Auf der Berlinale: „Boyhood“ : Kein Augenblick geht hier verloren

Die wiedergefundene Zeit als Chronik einer Jugend: Richard Linklaters „Boyhood“ ist der herausragende Film im Wettbewerb der Berlinale.

          3 Min.

          Mason ist elf, als sein Stiefvater ihm die Haare abschneiden lässt. Vorher hatte er braune Locken, jetzt fühlt er sich „wie ein Marsmensch“, wie er zu seiner Mutter sagt, als sie ihn in die Schule fährt. Aber dann schiebt ihm ein Mädchen in der Klasse einen Zettel zu, auf dem steht, sie finde seine Frisur cool, und alles ist gut.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Jahr später verlässt die Mutter den Stiefvater, der alkoholsüchtig und gewalttätig ist, und Mason kommt in eine andere Schule. Im Jahr darauf macht er mit seinem leiblichen Vater und seiner Schwester Wahlkampf für Barack Obama, zwei Jahre später hat er seine erste Freundin. Zum sechzehnten Geburtstag bekommt er eine Flinte geschenkt, mit der er auf leere Blechdosen schießen darf, mit siebzehn gewinnt er die Silbermedaille beim Fotowettbewerb in seiner Highschool, und seine Freundin verlässt ihn. Mit achtzehn hat er ein eigenes Auto, ein Stipendium fürs College und einen Vollbart, und das Erwachsenenleben beginnt.

          Die Arbeit von zwölf Jahren

          Vor dreizehn Jahren hat Richard Linklater mit der Arbeit an seinem Film „Boyhood“ begonnen. Er wollte die Geschichte eines Jungen erzählen, der in einer texanischen Großstadt aufwächst, in einer Patchworkfamilie der Mittelschicht, mit einer typischen Schulkarriere, mit häuslichem Zank und Mobbing und Teenagerpartys und allem, was sonst noch zum Leben der amerikanischen Mittelklasse gehört. Das alles ist „Boyhood“ auch geworden - und zugleich so viel mehr.

          Denn Linklater hat sich entschieden, seinen Film nicht auf die übliche Weise in wenigen Wochen mit wechselnden Darstellern zu drehen, die den aufwachsenden Mason nacheinander verkörpern, sondern über zwölf Jahre hin mit immer den gleichen Schauspielern. Ellar Coltrane, der Darsteller des Jungen, ist am Anfang der Geschichte sechs und am Ende achtzehn Jahre alt, und auch Patricia Arquette, die Masons Mutter, und Ethan Hawke, der seinen Vater spielt, altern im Lauf des Films entsprechend, so wie alle anderen, die mit ihnen vor der Kamera stehen. So sieht man in „Boyhood“ etwas, das man im Kino sonst nicht sieht. Man sieht den Prozess der Zeit.

          Verwirklichung eines ewigen Traums

          Gerade die größten Filmregisseure haben davon geträumt, die engen Grenzen des Kinos zu sprengen. Hitchcock wollte vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Stadt auf die Leinwand bringen, Tarkowskij sehnte sich danach, nur noch das wahre Leben der Dinge und Menschen zu filmen, Antonioni zeigte am Ende von „L’eclisse“, was geschieht, wenn in der Geschichte selbst nichts mehr passiert. Linklater hat diesen ewigen Traum des Kinos jetzt auf ebenso schlichte wie berührende Weise verwirklicht.

          Es gibt in „Boyhood“ nichts zu sehen, was man nicht in anderen Filmen schon gesehen hätte, und doch sieht man alles wie zum ersten Mal, weil es aus der fiktiven in die wirkliche Zeit versetzt ist und zugleich die Erzählform der Fiktion bewahrt. „Boyhood“ ist der herausragende Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, weil er ein Versprechen wahr macht, das so alt ist wie die bewegten Bilder selbst, weil er etwas zeigt, das man so nur im Kino zeigen kann. Alle anderen Filme im Hauptprogramm, selbst die raffiniertesten, wirken im Vergleich zu ihm konventionell.

          Claudia Llosas „Aloft“ enttäuscht

          Man hätte sich auch Jennifer Connelly gut als Darstellerin in „Boyhood“ vorstellen können, denn ihr Gesicht, das seit ihrer Entdeckung in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ in vielen mittleren und wenigen großen Filmen zu sehen war, spiegelt die Härten des Lebens ebenso eindringlich wie den Stolz einer Frau, deren Schönheit mit den Jahren noch reift. In Claudia Llosas „Aloft“ spielt Connelly nun eine Frau, die als Heilerin in der kanadischen Wildnis arbeitet, und der Moment, als sie ihren erwachsenen Sohn, den sie vor vielen Jahren im Stich gelassen hat, wieder in die Arme schließt, gehört tatsächlich zu den großen Augenblicken dieses Festivals.

          Aber der Film braucht viel zu lange, um dorthin zu kommen, er trickst und täuscht sich und uns mit Vor- und Rückblenden, so dass er am Ende statt einer Geschichte nur eine Folge von Einzelszenen gezeigt hat. Vor fünf Jahren hat Claudia Llosa mit „Eine Perle Ewigkeit“ in Berlin den Goldenen Bären gewonnen. Mit „Aloft“ wird sie diesen Erfolg wohl kaum wiederholen.

          Am Ende von „Boyhood“, als ihr Sohn von zu Hause auszieht, hat Patricia Arquette einen Anfall von Melancholie. Sie habe alles erlebt, Geburt, Scheidung, das Erwachsenwerden der Kinder, und nun stehe als nächstes wohl ihr Begräbnis an. Und: „Ich hatte mir mehr erhofft.“ Das erhoffen wir alle, und deshalb gehen wir immer wieder ins Kino.

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