https://www.faz.net/-gqz-7zr2o

Auf der Berlinale : Alba geht spazieren

  • -Aktualisiert am

Alba Rohrwacher Bild: dpa

Die Berlinale kann schon mal zum Spiegelkabinett werden: Egal in welche Richtung man schaut, man sieht immer die selben Gesichter. Doch ein Gesicht bildet den rettenden Fluchtpunkt.

          Wiederholungen sind der Fluch der Bilderwelt, spätestens seit man weiß, was eine Spiegelung ist. Auf der Berlinale ballen sich die visuellen Echos zwischen Projektionswänden im Lichtspielhaus, sprechenden Wandzeitungen auf dem Vorplatz, Computerschirmen und Smartphones bald zur ausweglosen Visagenpanik: In jedem zweiten Film und jeder dritten Pressekonferenz zeigt sich James Franco, aus jeder Gratiszeitung schaut Cate Blanchett in die weite Ferne, und in der Schlange für die nächste Vorführung stehen schon wieder die zwei breitgesichtigen Unholde, die in irgendeinem gottlosen keltischen Dialekt Meinungen über soeben Gesehenes brüllen, deren Inhalt den Wunsch nach Bezahlschranken für mündliche Kommunikation wachruft.

          Nach spätestens drei Tagen solcher Tortur denkt man bei jeder Veränderung – das Licht geht an, das Licht geht aus, die Herde setzt sich in Bewegung oder kommt zum Stillstand – nur noch: Bitte nicht schon wieder der, bitte nicht schon wieder die, bitte nicht schon wieder das! Und dann die Rettung: Alba Rohrwacher. Am Donnerstagmittag, als das Betrachterhirn kaum noch etwas aufnehmen will, stapft sie durch den Schnee, fasst einen Bock bei den Hörnern, dann steht sie auf einem Berg, dann fährt sie auf einem Schiff, dann redet sie mit einer Gegensprechanlage – immer ist das Spiel dieser Frau kontrolliert, zurückgenommen, dabei von einem Magnetfeld der emotionalen Rollentreue und einer Korona der klaren Darstellung umgeben, die unweigerlich alle Mitspielenden zwei Stufen besser agieren lassen, als sie das sonst tun.

          Frau Rohrwacher raucht wie der junge Dean Martin, schultert das Gewehr wie der junge Clint Eastwood und lächelt wie niemand sonst außer Alba Rohrwacher: wissend, für sich, ganz bei der Sache, im Geheimnis zu Hause. In Venedig begrüßt man sie oft und gern auf dem Filmfestival, weil sie Italienerin ist; erst letztes Jahr als täuschend mausgraue, in Wahrheit dämonisch willensstarke Rohkost-Verrückte in Saverio Costanzos Horror-Ehethriller „Hungry Hearts“.

          Menschen, die sie verehren (der Verfasser gehört, falls man das noch nicht gemerkt hat, ohne Einschränkung dazu), teilen miteinander die Bereitschaft, sich sofort einen Dreistundenfilm namens „Alba geht irgendwo spazieren“ anzusehen, vorausgesetzt, er löste sein Titelversprechen ein. Jetzt hat sie in Berlin das Geschlechter- und Freiheitsdrama „Vergine giurata“ von Laura Bispuri veredelt – und damit wie nebenbei eine wichtige Einsicht der visuellen Künste illustriert: Auf je tausend Personen, die man nie wieder sehen will, kommt immerhin eine, die man gar nicht oft genug sehen kann.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.