https://www.faz.net/-gqz-7st27

Kölner Videodays : Ich werd’ mal Youtuber

  • -Aktualisiert am

Her mit den Stars: Junge Fans bei den Videodays Bild: Kaufhold, Marcus

Wer heute ein Star werden will, geht zu Youtube. Ein Besuch auf den Videodays, wo sich die Szene trifft und man einiges über Online-Trends unter Jugendlichen lernen kann.

          Am Eingang zu einem Zelt vor der Lanxess-Arena in Köln spielen sich Dramen ab. Fünf Stunden habe sie angestanden, schreit ein Mädchen einen Sicherheitsmann an, der ihr den Weg ins Innere versperrt, fünf Stunden, jetzt hat sie es bis hierhin geschafft, und nun soll plötzlich Schluss sein, jetzt, hier, jetzt?

          Hinter ihr drängen sich noch Dutzende Teenager, ein heftiger Wolkenbruch hat sie gerade alle, wie zum Hohn, noch einmal in Sekundenschnelle durchtränkt. Die Haare der meisten sehen nun nicht mehr so aus, wie sie eigentlich aussehen sollten, auf den Fotos von sich und ihren Stars.

          Die Wachleute lassen sich erweichen, nur ein bisschen, eine Handvoll Mädchen wird doch noch ins Zelt hineingelassen. Sie tun, was Tausende hier vor ihnen getan haben an diesem Tag, in diesem Zelt und den beiden anderen daneben: Sie gehen der Reihe nach zu den Jungs, die hinter einer Tischreihe sitzen, lassen sich ein T-Shirt oder einen Block unterschreiben, machen ein gemeinsames Foto von sich und gehen zum nächsten Typen. Eine große Routine und Effizienz hat das, inmitten eines Meeres aus Hysterie. Von der anderen Seite des Zeltes kreischen Mädchen in Schüben immer wieder „Dner!“, sie wollen endlich, dass er rauskommt, der 20-Jährige, der eigentlich Felix von Laden heißt und im Inneren gerade verzweifelt, weil ihm Leute von der Organisation sagen, er soll jetzt endlich aufhören, Autogramme zu schreiben, was aber gar nicht geht.

          Rasant wachsende Veranstaltung

          Dner ist ein Star. Genau wie Die Lochis, DagiBee oder die Jungs von ApeCrime, die sogar acht Stunden am Stück in einem dieser Zelte sitzen und Autogramme geben. Zeitungsleser und Fernsehzuschauer mögen noch nie von ihnen gehört haben, und Über-20-Jährige überhaupt eigentlich nur, wenn sie Eltern mit Kindern im Teenageralter sind, aber sie sind Stars mit Hunderttausenden Fans, und mehr als zehntausend sind am vergangenen Freitag nach Köln gekommen, um sie zu treffen.

          Die Videodays sind eine rasant wachsende Veranstaltung, bei der junge Menschen ihre Youtube-Stars feiern. Das sind Leute wie LeFloid, ein 26-Jähriger, der zweimal die Woche seine unsortierten Gedanken zum Nachrichtengeschehen in die Kamera spricht („Action News, aber hart“), Daaruum, eine 24-Jährige, die Schmink- und Anziehtipps gibt und Produkte testet, Y-Titty, ein Trio, das Sketche und Musik produziert, oder eben Dner, dem man in seinen Videos beim Computerspielen und beim Leben zugucken kann. Die erfolgreichsten Youtube-Kanäle kommen auf ein, zwei, drei Millionen Abonnenten; ganz vorne liegt im Moment ein 37-jähriger Mann aus Braunschweig, der sich Gronkh nennt und im Video vor allem Computerspiele zockt und gleichzeitig kommentiert.

          „Wachstum, Wachstum, Wachstum!“

          Die Szene boomt, befördert durch Unternehmen, die die einzelnen Videoblogger zu Netzwerken bündeln, sie vermarkten, ihnen Werbedeals oder Product Placements verschaffen, sie technisch unterstützen und sie vor allem beraten, wie sie ihre Abrufzahlen immer weiter in die Höhe treiben können und damit auch das Netzwerk wachsen lassen. „Wachstum, Wachstum, Wachstum!“, lautet das schlichte Mantra von Christoph Krachten. Er ist Präsident der Firma Mediakraft, des größten deutschen Netzwerkes, das auch maßgeblich hinter den Videodays steckt.

          Viel Geld wird auf diesen Markt geworfen; Mediakraft hat gerade bei Investoren 16,5 Millionen Euro eingesammelt. Bei den meisten Videobloggern langt es noch nicht zum Reichtum, aber mehrere Dutzend können schon davon leben, für andere ist es ein schöner Nebenverdienst. Es reicht auf jeden Fall, dass es inzwischen „Youtuber“ als Berufswunsch bei jungen Leuten gibt.

          Und bei den Bekannteren für lästige Folgen der Prominenz. LeFloid, der eigentlich Florian Mundt heißt und Psychologie studiert, erzählt, dass er in Köln kaum den Fuß aus dem Zug setzen konnte, ohne belagert zu werden. Die anderen Gäste in seinem Hotel waren auch wenig erfreut, dass hemmungslose Fans versuchten, zum Fenster hochzuklettern. Sein Kumpel Frodo berichtet, dass der Versuch, über die nebenan stattfindende Spielemesse Gamescom zu laufen, erfolglos abgebrochen werden musste, weil sie keine 50 Meter weit kamen.

          Spitze Schreie

          Vor dem Gebäude, in dem Mediakraft in Köln sitzt, steht extra der Firmenname nicht an der Tür; um in eine der inzwischen fünf Etagen zu kommen, auf die sich das Unternehmen ausgebreitet hat, muss man den richtigen Code für den Aufzug kennen. Trotzdem verlassen Y-Titty, die hier eigene Räume haben, das Haus eigentlich nur über den Hintereingang.

          „Es gibt Kreischer und Leute, die nur im Vorbeigehen ,Coole Videos‘ rufen“, sagt LeFloid, in Berlin zum Glück mehr von Letzteren. In Köln ist definitiv die erste Sorte versammelt. Vielstimmige spitze Schreie künden davon, dass im Umlauf um die Arena wieder irgendwo irgendwer gesichtet wurde. Wenn sich der erkannte Youtuber auf der unteren Ebene befindet, auf der sich auch die Besucher tummeln, setzt dann gerne eine wilde Hatz ein, um einen Blick zu erhaschen, oder nein: ein Handyfoto. Laufen die Stars auf der Empore entlang, eine oder zwei Ebenen höher und abgesperrt vom normalen Publikum, entstehen rhythmische Kreischkaskaden: Immer wenn einer der Jungs wieder hinter einem Pfeiler zum Vorschein kommt oder gar zu einer vorsichtigen Winkgeste ansetzt.

          Selfies müssen sein

          Am ersten dieser zwei Tage der Videodays gibt es gar kein Programm. Für den Samstag ist eine große Bühnenshow angesagt, aber an diesem Freitag müssen die Youtuber nichts anders als: da sein. Der Eingang zum Halleninneren ist abgesperrt; in durchnumerierten Nischen finden „Meets and Greets“ statt; Aushänge und eine App verraten, wer wann etwa in „Mundloch 3“ oder „Mundloch 4“ sitzt. Überall bilden sich Trauben von Mädchen um einzelne Youtube-Jungs, die mit ihnen Selfies im Akkord produzieren. Es gibt eine Wand, die aussieht, wie ein Youtube-Videorahmen: Man kann sich in dieses Fenster stellen und mit seinen Stars fotografieren lassen, so dass es aussieht, als sei man mit ihnen in einem Video.

          Ein Stand des Kanals Sendertime hält die Fans bei Laune, indem er sie auffordert, sich alle umzudrehen und ein Selfie mit der Bühne im Hintergrund zu machen; von der Bühne aus machen sie dann umgekehrt Selfies, auf denen dann die selfiemachenden Zuschauerinnen im Hintergrund zu sehen sind. Hinterher wird das dann alles unter einem gemeinsamen Hashtag bei Instagram hochgeladen, so dass alle sehen können, wie alle sich fotografierten, wie alle sich fotografierten.

          Gemeinsam im Drogeriemarkt

          Es herrscht ein besonderes Verhältnis zwischen den Youtubern und ihren Fans. Da ist nicht nur die völlige Verzückung, als wären es die Beatles vor 50 Jahren oder Take That vor 20. Da ist auch eine besondere Nähe. Am Stand von „Magnolia“, der Beauty-, Lifestyle- und Mode-Kanäle vereint, nehmen die Mädchen, nachdem sie brav Schlange gestanden haben, die Videobloggerinnen erst wie eine Freundin in den Arm, bevor sie das gemeinsame Foto von sich machen. Sie sind ihnen vertraut, wissen so viel über ihren Alltag, ihre Vorlieben, ihre Schwächen.

          Diana zur Löwen, die auf Youtube Dfashion heißt, erzählt, wie das ist, wenn sie auf der Straße angesprochen wird. Neulich traf sie ein Mädchen und sagte zu ihm: „Oh, das Kleid hab’ ich auch.“ Und die antwortete: „Ja, weiß ich, in Schwarz.“ Ihre Fans bilden What’s-App-Gruppen, um sich auszutauschen, und lernen sich untereinander kennen.

          Diana macht auf ihrem Kanal gerne sogenannte „DM-Hauls“: Sie zeigt vor der Kamera, was sie beim Besuch im Drogeriemarkt erstanden hat. „Haul-Videos“ sind ein ganzes Genre. Teilweise sei das, was sie und ihre Kolleginnen da machen, ein Service für die Zuschauerinnen: „Die schauen zum Beispiel unsere Videos, um zu wissen, was es gerade bei Primark gibt“, der Billigmodekette mit den blitzschnell wechselnden Kollektionen.

          Andererseits lässt sich der Erfolg solcher rätselhaften Formate wohl vor allem durch eines erklären: die Persönlichkeit der Videoblogger. Es sind Menschen, die ohne jeden Filter von außen Dinge erzählen, die ihnen wichtig sind, und an denen andere Menschen Anteil nehmen. LeFloid sagt, es werde oft unterschätzt, wie sehr Youtube ein soziales Netzwerk sei. Es geht nicht nur um das Produzieren von Videos, sondern um Kommunikation, einen Austausch mit den Zuschauern zum Beispiel in den Kommentaren. „Fernsehen ist eine Einbahnstraße“, sagt er, „das regt ausschließlich zum Konsumieren an. Youtube funktioniert über das Feedback.“

          Fernsehen ist out

          Die erfolgreicheren Videoblogger haben Talent als Alleinunterhalter, sie werden vor der Kamera immer besser, lernen Schnitt, Video- und Musikproduktion, machen alles selbst. Das Fernsehen müsste sich nach ihnen reißen, aber mit dem Fernsehen haben die meisten hier nichts am Hut. Auf die Frage, ob er dort mal hinwill, sagt LeFloid: „Auf gar keinen Fall.“ Und die 20-jährige Mirella, die unter dem Namen „Mirellativegal“ videobloggt, will von ihrem früheren Traum, vielleicht mal „Punkt 12“ auf RTL zu moderieren, nichts mehr wissen. „Hier kann ich einfach reden, über was ich will.“

          Mediakraft-Mann Christoph Krachten, der selbst vom Fernsehen kommt und sich irgendwann frustriert abgewandt hat, sagt: „Die nächsten Stars werden nicht mehr im Fernsehen gemacht.“ Youtube-Stars wie LeFloid hätte von den Sendern „niemand vor die Kamera gelassen. Die trauen nicht den Charakteren und wollen keine Typen.“ Das Fernsehen habe durch seine Erstarrung den roten Teppich für Online-Video ausgerollt. Inzwischen sei es das führende Medium für die junge Zielgruppe.

          Die Fernsehkonzerne haben das Thema durchaus entdeckt. Pro-Sieben-Sat.1 hat das Online-Video-Netzwerk Studio71 gegründet, die Produktionsfirma Endemol versucht sich mit Endemol Beyond, die RTL-Tochter Ufa arbeitet mit Divimove zusammen.

          Das Potential von Online-Video sei viel größer als das anderer Medien, sagt Christoph Krachten, und der Blick in die Vereinigten Staaten zeige, dass dem Wachstum auch eine Professionalisierung folge. „Das ist erst der Anfang“, ruft er immer wieder.

          Und während sich die Arena in Köln am Freitagabend leert und die Fans sich aufgeregt ihre Trophäen zeigen, erzählt ein Junge seiner Mutter empört und traurig, dass er und seine Freunde echt höchstens nur noch eine halbe Stunde hätten warten müssen und dann wären sie auch drangewesen, beim Meet and Greet. „Jetzt haben wir gar keine Unterschriften von die, die wir immer gucken.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Findet deutliche Worte für Annegret Kramp-Karrenbauer: Andrea Nahles

          SPD-Konvent zur Europawahl : Volle Attacke auf Annegret Kramp-Karrenbauer

          In Berlin tagt die SPD, um ihr Programm für die Europawahl zu diskutieren. Dabei nutzen Andrea Nahles und Katarina Barley ihre Reden vor allem als Angriff gegen die CDU-Vorsitzende und den Koalitionspartner. Die Junge Union wird mit Schmutz verglichen.

          Fußball-Nationalmannschaft : Deutschlands Sprung ins ziemlich kalte Wasser

          Die nun junge deutsche Mannschaft steht vor der ersten Bewährungsprobe: Zum Auftakt der EM-Qualifikation wartet ein niederländisches Team, das den Umbruch bereits hinter sich hat. Dabei steht viel auf dem Spiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.