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„Auf dem Weg ins Imperium“ : Warum wir uns mit dem Brüsseler Reich arrangieren werden

  • -Aktualisiert am

So sehen heute Gladiatoren aus: Ein Römer-Darsteller auf der Piazza Venezia in der italienischen Hauptstadt verbindet das antike Rom mit der Europäischen Union. Bild: AFP

Wohin führen historische Parallelen? David Engels vergleicht das römische Imperium mit einem kommenden Superstaat Europa – und bietet dabei mehr als das Menetekel vom Untergang des Abendlandes.

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          Solange der Niedergang und Fall des Römischen Reiches als die kardinale Frage der Weltgeschichte galt, konnte die Frage aufgeworfen werden, ob auch „wir“ untergehen werden wie einst die Römer. Oswald Spengler erweiterte die Analogie zu einer universalhistorischen Zyklenvorstellung; ihr Mehrwert schien in der Evidenz zu liegen, mit der sich aus dem immer wieder Geschehenen eine Prognose der künftigen Entwicklung ableiten ließ. Davon ist wenig mehr als das Schlagwort vom „Untergang des Abendlandes“ geblieben.

          Das eherne Gesetz der Wiederholung in der Geschichte ersetzte dann Thilo Sarrazin durch die nicht minder zwingend daherkommende Fortschreibung von scheinbar unwiderleglichen statistischen Zahlen und Trends, doch der kliometrisch geschulte Ökonom und Sozialwissenschaftler griff bisweilen ebenfalls weit in die Geschichte zurück und wertete kulturelle Faktoren als entscheidend für die Zukunft unserer Gesellschaft. Auch der erneuerten Kritik am globalen Kapitalismus von Graeber bis Piketty eignen nach dem Vorbild des Urvaters Marx Prozessvorstellungen von biblischer Spannweite.

          Ein historisch argumentierendes, zeitdiagnostisches Buch mit dem Anspruch, einem Akteur vom Kaliber der Europäischen Union einen grundlegenden Kurswechsel nahezulegen, kann leicht abtun, wer die Stellen herauspickt, wo dem Autor David Engels die Pferde durchgegangen sind. Klassische Kultur- und Modernekritik blitzt auf, wenn von sittlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entartungen die Rede ist, von der seelischen Perversität der modernen Gesellschaft, von Individualismus, Mobilität, Verstädterung und einer „Zunahme oberflächlicher Kontakte im Rahmen der digitalen Welt“.

          Absolut gesetzte Toleranz erschwert die Integration

          Wer traut sich noch, vom „Wesen des Menschen“ zu sprechen und seiner notwendigen Einordnung in eine zu allen Zeiten durch Ungleichheit ausgezeichnete Gesellschaft? Neben Gehlen und Freyer läuft auch Eduard Spranger im Hintergrund mit, wenn „jede Kultur gänzlich unterschiedliche Menschentypen hervorgebracht hat“, so Europa nach dem Wort Paul Valérys den faustischen. Zeitgemäß angeprangert werden ferner das „Joch einer ultrakapitalistischen Weltordnung“, die „Hochfinanz“, die amerikanischen Ratingagenturen und eine durch die Troika erzwungene „Selbstgleichschaltung“ unter dem Diktat einer „ultraliberalen Spardoktrin“. Daneben findet sich das aus der Zeit gefallene Wort vom „geschichtlichen Wesen der Volksgemeinschaft“.

          Doch eine solche Lektüre würde dem Manifest des in Brüssel Römische Geschichte lehrenden Historikers nicht ganz gerecht. Unterfüttert mit demoskopischen Befunden zu der Frage, welche Werte die Bürger mit der Europäischen Union assoziieren, bescheinigt er zunächst dem Patienten eine tiefgreifende Identitätskrise, weil das Eigene, das genuin Europäische für die Regierenden und geistigen Eliten keine Rolle mehr spiele, vielmehr ersetzt werden solle durch eine am Reißbrett entworfene, politisch korrekte, rationalistische und universalistische Identität.

          Nicht die Ökonomie, sondern eine kulturelle Sinnkrise bedrohe aber unsere Zivilisation und hindere die Europäer, Identitätsfragen „auf dem doch naheliegenden Weg einer beherzten patriotischen Identifizierung mit der eigenen Vergangenheit zu lösen“. Die abgefragten Werte erscheinen dabei als Instrumente einer tiefen Verwirrung: Absolut gesetzte Toleranz bewirke eine von oben geförderte Atomisierung der Gesellschaft und lasse die Integration der Einwanderer scheitern; der Individualismus verdränge vermittelnde Instanzen wie Familie, Volk und Kultur und führe auf breiter Front zum Verkümmern des Kinderwunsches; die Auflösung der traditionellen Familie als Ordnungsmuster befördere die radikale Ablehnung wie auch die ebenso radikale Befürwortung autoritärer Strukturen. Und so weiter.

          Der Vergleich mit der römischen Republik gelingt nur mühsam

          Dabei verblüfft das idealisierende Bild des neunzehnten Jahrhunderts, das David Engels durch allgegenwärtige gesellschaftliche Solidarität, gelebtes Christentum, Familiensinn und unternehmerischen Paternalismus ausgezeichnet sieht. Heute dagegen: systematische Ausbeutung der Schwachen durch die Starken, Flucht in die massenmedial gelenkte Konsum- und Vergnügungsgesellschaft, und das alles ist dem Sieg der rationalistischen, universalistischen und relativistischen Weltanschauung geschuldet, die nach innen alle Bindungen zerstöre, aber zugleich die ganze Welt nach ihrem Bild zu gestalten trachte.

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