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: Auf bösem Weg

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In der Schweizer satirischen Zeitschrift „Nebelspalter“ erschien am 3. August 1944 eine Karikatur des in Maienfeld im Kanton Graubünden lebenden Erfolgsschriftstellers John Hermann Knittel.

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          In der Schweizer satirischen Zeitschrift „Nebelspalter“ erschien am 3. August 1944 eine Karikatur des in Maienfeld im Kanton Graubünden lebenden Erfolgsschriftstellers John Hermann Knittel, die ihn mit den folgenden Versen als Nazifreund brandmarkte: „Du wählst vielleicht den rechten Ton / Für ein gewisses Ohr, o John / Doch Szenerie und Kittel / Sind schlecht gewählt, o Knittel!“ Auslöser war ein Interview, das Knittel während eines München-Aufenthalts dem Journalisten Wilhelm Backhaus von den „Münchner Neuesten Nachrichten“ gegeben hatte, welches reichsweit abgedruckt wurde. Mit Bezug auf die letzte Führerrede hatte der Romancier „mit vitaler Anteilnahme“ versichert, „daß ihn jede Rede des Führers für einige Zeit aus der Arbeit reiße, daß die Phantasiegebilde der Romangestalten sich unter dem harten Hineinstoßen der politischen Realität gleichsam für einige Zeit verflüchtigten und erst allmählich von neuem Gestalt gewönnen“.

          Zwar mußte die Illustrierte richtigstellen, daß Knittels Gesprächspartner nicht mit dem berühmten Pianisten Wilhelm Backhaus identisch sei, doch ansonsten wurde der Vorwurf, Knittel sei ein Freund und Propagandist der Nazis, aufrechterhalten. Diese Anschuldigungen waren keineswegs neu, denn spätestens seit Ende 1940 war bekannt, daß Knittel mindestens ein- bis zweimal pro Jahr zu Dichterlesungen und Werkpremieren nach Deutschland reiste, daß seine Töchter in München Musik studierten und später Deutsche heirateten, vor allem aber, daß er lebhaft mit Joseph Goebbels sympathisierte und von ihm bei jedem Berlin-Aufenthalt in sein Privathaus nach Lanke (Bogensee) eingeladen wurde.

          Sie hatten sich bei einer Dichterlesung Knittels am 28. November 1940 in der einflußreichen Berliner Fichte-Gesellschaft, einer vom Propagandaministerium gesteuerten Einrichtung, kennengelernt. In der Reihe „Dichter stellen sich vor“, in der die damaligen Publikumslieblinge auftraten, hatte Knittel je ein Kapitel aus „Via mala“ und „El Hakim“ vorgetragen. Wegen eines der ersten britischen Großangriffe auf die Reichshauptstadt mußten der Minister und der Schweizer Gast kurz vor Ende der Veranstaltung in einen nahen Luftschutzkeller flüchten, wo sie sich anfreundeten.

          Dieser Abend bescherte Knittel jedoch nicht nur die Zuneigung eines der einflußreichsten Männer des Dritten Reichs, sondern beachtliche Verkaufserfolge. Im Anschluß an seine Lesung wurden von den genannten Romanen - beide wurden noch in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik mit Gert Fröbe, Joachim Hansen, Christine Kaufmann beziehungsweise O. W. Fischer, Charles Regnier und Nadja Tiller verfilmt und ließen die Kinokassen klingeln - binnen einer Woche mehr als 30 000 Exemplare abgesetzt. „Via mala“, der Kolportageroman vom verlotterten Sägemüller, der seine Tochter für Schnaps verhökert, enthält alle Elemente populärer Unterhaltung: Sex and Crime in einem elementaren Familiendrama vor einer grandiosen Alpenkulisse. Die Trivialität des Stoffs hinderte den sonst so kritischen Goebbels nicht daran, Knittel als „großen Schweizer Dichter“ zu feiern.

          Er wollte lieber etwas Größeres sein.

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